Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

Page: 265
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1904/0171
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
265

1904.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

266

Die Technik des Wachs-Eindruckes als Ersatz für Stickerei.

(Mit Abbildung.)

us dem Nachlasse des bekannten
Kunstforschers und Sammlers Dr.
Franz Bock ist eine Tafel in den
Besitz des Aachener Museums über-
gegangen, welche um ein ovales, zur Aufnahme
einer Reliquie oder eines Bildes bestimmtes
Mittelfeld ein Blumenornament aus Gold-,
Silber- und Seidenfäden zeigt. Sie besteht aus
einem rechteckigen Zedernholz-Brette, istO,188w
hoch, 0,152 m breit und 0,1 m dick. Nach
den Spuren von Nägeln an den Kanten zu
schliefsen, war sie früher von Leisten umrahmt.
Auf das Mittelfeld ist jetzt, um die Farben der
Ornamentik hervortreten zu lassen, ein dunkel-
brauner Plüschfieck geklebt. Darum zieht sich
ein ovaler Rahmen, welcher zwischen je vier
gedrehten Goldschnüren angereihte zweiblättrige
Knospen zeigt, aus welchen kleine karminrote
Tropfen entspringen. Erstere sind lichtblau
und wie diese mit gedrehten Silberfäden kon-
turiert.

Der übrige Teil hat bis zum Rande einen
von gleichartigen Fäden gebildeten Grund und
darauf einer Vase entsteigende Blumenranken.
Die Vase nimmt die Mitte des unteren Teiles
ein und ist aus Voluten, Bändern und Streifen
verschiedener Farbe zu einer phantastischen Re-
naissanceform zusammengesetzt. Der Rand,
die beiden Henkel, die seitlichen Umrisse des
Fufses, einzelne Quer- und Längsstreifen sind
karminrot, die den Bauch des Gefäfses um-
schreibenden Voluten gehen von Karmin all-
mählich in Fleischrot über, welche Farbe neben
Lichtblau, Grau, Blafsrosa und Weifs auch in
den Streifen vorkommt. Jeder einzelne Farb-
streifen ist mit gedrehten Goldfäden umzogen,
die Längsstreifen durch Silberfäden getrennt.
Aus dem dunkelbraunen Inneren der Vase
wachsen vier Blumenstengel hervor. Zwei da-
von biegen sich nach unten, die anderen in
mehrfacher symmetrischer Windung nach oben.
Erstere sind dunkelgrün, von je einem hell-
grünen, lanzettförmigen und einem gleich-
farbigen kleinen, dreigeteilten Blatte begleitet
und tragen eine herabgesenkte Tulpe von blafs-
roter Farbe mit dunkleren Streifen. Aus den
Tulpen gehen an hellgrünen Stengeln kleine
vielblättrige, rot- und weifsgefleckte Röschen

und hellgrüne Schlangen Windungen hervor
welche die unteren Ecken füllen. Die aufwärts
gerichteten Stengel sind an ihrem unteren Teile
dunkelgrün, dann von einem palmettenartigen
Blattstande an hellgrün. Aus diesem wächst ein
von rotbraunen und schwarzen Fäden gebildetes
Dreiblatt hervor. In denselben Farben sind
die buschigen Blumen in der Mitte der Tafel
gehalten, doch überwiegt hier bei den gröfseren
Aufsenblättern das Rotbraun. Aus ihnen steigt
in leichter Biegung nach aufsen abermals ein
Stengel empor und trägt eine vielblättrige
Rose von lichtroter Farbe, deren mittleres Stück
rot gerändert ist, während andere Blumen-
blätter einen kleinen körnchenartigen Fleck
zeigen. Daneben erhebt sich, parallel mit der
ovalenUmiahmung des Mittelstückes, ein zweiter
Stengel, an dessen Ende sich gerade über der
Mitte zwei rotbraune Nelken begegnen, be-
gleitet von je zwei langen lanzettförmigen Blät-
tern. Nach den oberen Ecken zu zweigen
Türkenbünde in Rot und Lichtblau ab, ver-
ziert mit schwarzen Tropfen. Aufser den ge-
nannten Formen dienen noch kleine hellgrüne
Blätter in Herzform zur Füllung.

Die Farben fügen sich, dank der Einfassung
aller einzelnen Teile mit Goldfäden, har-
monisch zusammen. Sie sind lebhaft, aber schon
ursprünglich von Buntheit weit entfernt. Das
Alter tat das seine, um sie noch mehr abzu-
dämpfen. Die Gold- und Silberfäden bestehen
aus Hanf, um welchen das Metall spiralförmig
in dünnen Streifen gewickelt ist. Die Seiden-
fäden sind von verschiedener Dicke, aber durch-
weg dünner als die Metallfäden und gleich-
falls gedreht. Die Zeichnung des Ornamentes
ist zwar in der Rankenbildung etwas willkür-
lich, im ganzen jedoch sehr edel. Stilistisch
gehört sie in den Anfang des XVII. Jahr-
hunderts. Um den äufseren Rand zieht sich
eine doppelte erneuerte Silberschnur.

Merkwürdig ist die Technik, in welcher
die Tafel ausgeführt ist. Auf den flüchtigen
Blick hin könnte man sie für Stickerei halten,
doch findet man auf dem Silbergrunde, an den
Goldkonturen keine Spur von Überfangstichen.
An einzelnen Stellen läfst es sich genau beob-
achten, dafs die ganze Tafel auf der Ober-
loading ...