Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

Seite: 145
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1904/0099
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
145

1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

146

Der mittelalterliche Tragaltar.

(Mit 13 Abbildungen.)
VII.

Ikonographie des Tragaltares.

is ist eine grofse Anzähl von Monu-
menten, die wir aufzählen und
beschreiben konnten. Während
Otte in seiner »Kunst-Archäo-
logie« kaum zwei Dutzend Tragaltäre nam-
haft macht, haben wir über SO Exemplare
beschrieben, die zum gröfsten Teil in Deutsch-
land entstanden sind. — Zum Schlufs unserer
Arbeit müssen wir noch etwas genauer den
reichen ikonographischen Schmuck des Porta-
tile betrachten, der uns fast unwillkürlich an
die reichen figuralen Darstellungen der alt-
christlichen Sarkophage erinnert168) Be-
standen auch kirchlicherseits über die künst-
lerische Ausstattung des Tragaltars ebenso
wenig Vorschriften wie für den fixen Altar, so
hat sich doch im Laufe der Zeit fast ein fester
Kanon in der Auswahl der Sujets herausge-
bildet, indem an denselben Flächen häu-
fig dieselben Darstellungen wieder-
kehren.

Um die ikonographische Seite des Porta-
ble richtig zu verstehen, mufs man ein Zwei-
faches berücksichtigen. Erstens die Bestimmung
des Altars, zweitens seine Deutung durch die
mittelalterlichen Symboliker. Seine Bestim-
mung kommt besonders in dem Bildschmucke
der Deckplatte zum Ausdrucke, bei den tafel-
förmigen Altärchen auch an der Bodenfläche,
deshalb wollen wir ihnen zuerst unsere Auf-
merksamkeit schenken.

Der Altar ist seinem Zwecke gemäfs jene
Stätte, worauf in geheimnisvoller Weise das
Opfer Christi auf Golgatha erneuert wird, jenes
Opfer, das man seit den ältesten Zeiten des
Christentums im alten Bunde, dem „Schatten"
des neuen, vielfach vorgebildet fand. Als Vor-
bilder des wirklichen Kreuzesopfers oder seiner
geheimnisvollen Wiederholung im Mefsopfer
gelten besonders jene drei Opfer, deren der
uralte Kanon der Messe in dem Gebete „Unde
et memores" gedenkt, Abel, Abraham,

m) Vergl. Burckhardt's schöne Abhandlung
in dessen »BeiträRen tur Kunstgeschichte von Italien«
(Hasel 1898) 0 f.

Melchisedech. Wie sie bereits auf den
ravennatischen Mosaiken in so grandioser
Weise als Vorbilder des Mefsopfers auftreten,
so sie auch auf der vornehmsten Fläche des
Portatile anzubringen, lag gewissermafsen in
der Natur des Altars begründet, lag in seiner
Bestimmung. Wir begegnen daher den ge-
nannten Vorbildern — entweder allen dreien
oder zweien — sehr häufig als Schmuck der
Deckplatte verwendet. So sehen wir Abel und
Melchisedech zu Köln und Bamberg, Abra-
ham und Melchisedech zu Xanten und im
„Weifenschatze" (Nr. 18). Vorbildlich ist ferner
der Schmuck am Tafelaltar Spitzer und zu
Osnabrück, am vollständigsten zu M.-Glad-
bach, wo aufser Abel, Melchisedech und
Abraham auch Moses mit der ehernen Schlange
und Job mit der Patientia auf der Deckplatte
angebracht sind, welch letztere ebenfalls als
Vorbilder Christi aufgefafst werden, und zu
Stavelot-Brüssel, wo aufser den vier zu-
erst genannten Vorbildern noch Samson mit
den Toren der Stadt Gaza und Jonas er-
scheinen.

Beachtenswert ist auch der Parallelismus
der Symbole an dem zuletzt genanntem Altare.
Der den Stein umgebende Vierpafs enthält
oben die Ecclesia, unten die Synagoga, links
Samson mit den Stadttoren von Gaza, rechts
den von dem Ungeheuer ausgespieenen Jonas.
Letzterem, um mit ihm zu beginnen, welchen
der Heiland selbst als sein Vorbild erklärt
hatte, (Matth. 12, 40) entspricht oben rechts
die Auferstehung Christi oder vielmehr die
Frauen am Grabe. Samson galt bereits den
christlichen Vätern169) als ein Vorbild des
Heilandes, und Gregor der Grofse erklärte:
Samson nocte non solum exiit, sed etiam portas
tulit, qui redemptor noster ante lucem resur-
gens non solum liber de inferno exiit, sed
etiam ipsa claustra devastavit. 17°) Hiernach
wäre Samson ein Vorbild des Heilandes in
der Auferstehung; auf unserm Altärchen ist er
sein Vorbild in der Kreuztragung, denn oben
rechts hat der Künstler den kreuztragenden

l69) Augustinus, Serm., 364, al. 107.

m) Gregorius M. in Evang. Matth, Homil. 21.
loading ...