Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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Abhandlungen.

Der mittelalterliche Tragaltar.

(Mit 13 Abbildungen.)
VI.
B. Schrein-Tragaltäre. (Forts.)
n Frankreich hat sich von den
zahlreichen Altärchen, womit die
| Limoger Fabrikanten im XII.
und XIII. Jahrh. Kirchen und

Klöster versorgten,1M) kein einziges Exemplar
erhalten, wenigstens wufste Rupin in seinem
umfassenden Werke über das Limoger Email
keins namhaft zu machen.'55) So gründlich
hat die Revolution aufgeräumt. Ihr Verlust
ist allerdings leichter zu verschmerzen, da die
Limoger Schmelzarbeiter, was auch Molinier
offen zugesteht, kein Werk hervorgebracht
haben, das den deutschen Emailwerken eben-
bürtig an die Seite gestellt werden könnte.
Aufserhalb Frankreichs befindet sich allerdings
noch ein Altärchen, das aus sechs Platten mit
Limoger Maleremail zusammengesetzt ist, näm-
lich im Museum zu Granada; man schreibt
es Jean Penicauld dem Älteren zu.156)

Zu einer dritten Gruppe vereinigen wir
jene Portatilien, welche vornehmlich mit ge-
triebenen, gravierten oder nieliierten
Metallplatten bekleidet sind. Von den noch
vorhandenen Monumenten sollen hier nur die
wichtigeren kurz beschrieben werden, bei den
andern genügt es, sie namhaft gemacht zu haben.

Von den Tragaltären mit getriebener Metall-
bekleidung ist der bedeutendste Vertreter der

1M) Vgl. Texier, »Dictionnaire d'orfe'vrerie«,
col. 211.

,M) Rupin, »L'ceuvre de Limoges«, p. 200. —
Texier will noch ein Portatile mit Limoger Email ge-
sehen haben, das aber bald darauf verschwand.
»Annales archeologiques« IV, 292.

I56) Cor biet hat noch folgende Portatilia auf-
gezählt (in der »Revue de l'art crdtien« XXVI,
535): In der Kathedrale zu Granada ein Tragaltar,
den Ferdinand der Katholische und Isabella auf ihren
Reisen mit sich führten; ein anderer im Eskurial.
In Frankreich ist noch ein tafelförmiger Marmorstein
(30X8 cm) zu Saintes Maries (Dep. Bouches-du-
Rhone) mit der Inschrift aus dem IX. Jahrh : Allare
Sti Salvatori*; ein zweiter in der Kirche St. Jean zu
Lyon. Eine Prüfung der nicht immer zuverlässigen
Angaben Corblets ist mir zur Stunde nicht möglich;
so ist z. B. das von ihm angeführte Tragaltärchen zu
Bern tatsächlich nur ein Devotions-Diptychon. — Über
Penicauld vgl. Buch er, »Geschichte der technischen
Künste« I, 43.

Gertrudenaltar im „Weifenschatze" (27 X
20,5X10 cm). Er trägt auf der Deckplatte
die Inschrift: Gertrudis C/tn's/o felix ut vivat
in ipso — Obtulit hunc lapidem gemmis auto-
que niienlem. Die hier genannte Gertrud,
welcher das Prachtwerk seinen Ursprung und
Namen verdankt, ist die Markgräfin Gertrud
von Brandenburg (f 1219). Der grofse Porphyr-
stein ist von einem mit der erwähnten In-
schrift versehenem Goldstreifen von nur 3,5 cm
Breite umgeben, zu beiden Seiten der Inschrift
laufen zierlich gearbeitete Mäander aus gol-
denen Filigranfäden. Die Plinte der etwas
vorspringenden Ober- und Unterplatte ist
mit zahlreichen Perlen und Steinen besetzt,
worauf sich die Inschriftsworte: „gemmis ni-
tenlem" beziehen. An den Langseiten sehen
wir in getriebenem Goldblech' die Apostel
stehend unter rundbogigen Arkaden; auf der
vorderen Seite gruppieren sich ihrer sechs um
den Heiland, auf der hinteren um die Mutter-
gottes, jedoch mit dem Unterschiede, dafs auf
des Heilandes Seite die Arkaden und Säul-
chen aus feinstem Zellenschmelz bestehen, auf
der anderen dagegen getrieben sind, — aber
beide Arbeiten zeigen die gleiche Vollendung.
Die Figuren tragen das übliche Kostüm, Tunika
und Pallium und haben nackte Fiifse mit Aus-
nahme der Gottesmutter. Auf der einen
Schmalseite ist in der mittleren Arkade ein
Kreuz von schönstem Zellenschmelz aufge-
richtet, ihm zur Seite Constantin und Helena,
Sigesmund und Adelheid, letztere als Patronin
des sächsischen Hauses; auf der anderen
Schmalseite sieht man fünf Engelgestalten, fast
in gleicher Darstellung wie an dem bekannten
Frontale Heinrichs IL in Paris, das es an künst-
lerischer Durcharbeitung noch übertrifft.

Wir sehen am Gertrudenaltärchen „fast
alle Techniken des Goldschmiedes auf der Höhe
der damaligen Leistungsfähigkeit: das Treiben
gröfserer Goldbleche in eminenter Weise»
das Email cloisonne in tadelloser Feinheit der
Farbe, reizendes Filigran und kunstreich ge-
faßte Edelsteine, endlich das Niello in In-
schrift und Bogenverzierung. Es ist wirklich,
wie wenn wir ein Kapitel des Theophilus in
leibhafter Illustration vor uns hätten . . . Aus
dieser Zeit hat sich kaum ein Werk von sol-
cher Vollendung der Durchführung nament-
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