Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

Seite: 161
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1904/0110
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Abhandlungen.

Der mittelalterliche Tragaltar.

(Mit 13 Abbildungen.)
VIII. (Schlufs.)

ie fast konstante Ausstattung des
Altares durch die Apostel darf
wohl kaum als willkürlich an-
gesehen werden. Obgleich sie in
ganz ähnlicher Darstellung und Gruppierung
auch sonst vorkommen, wie z. B. an den be-
kannten Chorschranken zu Halberstadt, wo sie
sich zu sechs um Christus und die Mutter
Gottes gruppieren,18C) so dürften sie am Trag-
altare doch wohl infolge der Symbolik ange-
bracht worden sein. Erblickte, wie oft gesagt,
das mittelalterliche Auge im Altar ein Symbol
Christi, dann sah es in den zum Altar führenden
Stufen die Märtyrer und die Apostel,
welche für ihren Herrn ihr Blut vergossen
haben.187) Am Portatile, das der Stufen ent-
behrte, erhielt diese Anschauung ihren Aus-
druck in der Belebung der Seitenflächen durch
die Apostelbilder.

Dieselbe Anschauung erklärt es auch, wes-
halb an der Stirnseite — als solche ist ja in
vielen Fällen eine Schmalseite anzusehen —
grade Christus in der Herrlichkeit erscheint,
wie in Paderborn, Melk, Modena, während
die zweite Stelle, die zweite Schmalseite, die
„Sponsa Christi",188) Maria einnimmt.

Am Portatile zu Köln (Maria im Kapitol)
erscheinen statt der Apostel an den Schmal-
seiten mehrere Propheten, an dem Gregorius-
altärchen in Siegburg nehmen sie auch die
Langseiten ein, während sie am Mauritiusaltar
daselbst auf der Deckfläche ihren Platz er-
halten haben. Auch hier dürfte der mittel-
alterliche Symboliker die Hand des Mönchs-
künstlers, geleitet haben, wenngleich die Zu-
sammen- oder Gegenüberstellung der Apostel
und Propheten im Mittelalter auch an anderen

l'*) Abbild. Hasak, «Geschichte der deutschen
Bildhauerkunst im XIII. Jahrh.« (Berlin 1899) 17.
Kuhn, »Kunst-Gesch.« II (1898) 333.

187) Durandus 1. c. Gradus, quibus ad altare
ascenditur, spiritualiter demonstrant apostolos et mar-
tyres Christi, quos, quia pro eius amore sanguinem
suum fuderunt, sponsa in canticis amoris vocat as-
censum purpureum.

IM) Vergl. Sauer a. a. O. S. 30U.

Gegenständen sehr beliebt ist. Zuweilen trägt
ja bekanntlich in klarer Symbolik jeder Pro-
phet einen Apostel auf den Schultern, wie wir
es sehen an einem Taufstein in Merseburg'89)
oder im „Fürstenchor" des Domes zu Bam-
berg;'90) Propheten und Apostel sind Verkünder
und Träger desselben Gottesglaubens, diese
im neuen, jene im alten Bunde; die Apostel
stehen sozusagen auf den Schultern der Pro-
pheten, beide aber führen zu Christus, der
durch den Altar versinnbildet wird; daher war
es ein sinniger Gedanke, auch die Propheten
entweder allein oder in Verbindung mit den
Aposteln am Symbol Christi, am Altare, zur
Anschauung zu bringen.

Als beliebte Sujets werden an den Seiten-
flächen sodann, wie auf der Deckplatte, Er-
eignisse aus dem Leben des Heilandes
in mehr oder minder grofser Ausführlichkeit
erzählt, wie wir es zu Darmstadt, Melk, Osna-
brück und besonders am Portatile zu Namur
mit seinen achtzehn evangelischen Begebenheiten
gesehen haben. Inwiefern hier die Symbolik
mafsgebend gewesen ist, läfst sich nicht leicht
entscheiden. Sind es doch jene der romani-
schen Kunst so überaus geläufigen Darstellungen,
womit sie die verschiedensten Gegenstände
zu schmücken pflegt. Der Umstand freilich,
dafs auch die Antipendien der fixen Altäre
mit Vorliebe durch solche Szenen verziert
wurden — wir erinnern nur an die Antipendien
zu Aachen, Klosterneuburg, Mailand, Pistoja
und besonders Salernom) — legt die Ver-
mutung nahe, die Ausstattung an den Seiten-
flächen der Portatilia und den festen Altären
seien durch denselben Gedanken, durch die-
selbe Symbolik beeinflufst gewesen.

Nur selten finden wir drittens an den
Seitenflächen nicht evangelische Szenen,
wie an dem Tragaltare in der Franziskaner-
kirche zu Paderborn mit dem Martyrium der
Heiligen Blasius und Felix und das Martyrium
der Apostel am Altare aus Stavelot. Auf

•»•) Abbild. «Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises
Merseburg«, S. 7.r).

™) Abbild. Aufleger und Weese, »Der Dom
tu Bamberg. (München 1898) Taf. 18, 19.

1") Abbild. Kraus, «Geschichte der christl.
Kunst. II, 7, 40 ff.
loading ...