Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 4.

120

Zur marianischen Symbolik des späteren Mittelalters.

Defensoria inviolatae virginitatis b.
(Mit « Abbildungen.)

Mai

I.

u den wichtigsten Quellen des
mittelalterlichen Bilderkreises und
zwar zu den primären Quellen, die
Franz Xaver Kraus in dem Kapitel
„Ikonographie und Symbolik der mittelalter-
lichen Kunst"J) aufführt, zählt auch der Phy-
siologus, dessen Entstehung nach den Unter-
suchungen Laucherts2) bis in das II. Jahrh.
hinaufreicht, und der ein im christlichen Alter-
tum bereits verbreitetes, namentlich aber im
Mittelalter in zahllosen Exemplaren in latei-
nischer Übersetzung wie in den Volkssprachen
vielgelesenes Werk war. Eine grofse Reihe
der in ihm behandelten sagenhaften Tiere oder
jener Tiere, denen gewisse Wunder und Wunder-
barlichkeiten angedichtet und nachgerühmt
wurden, zogen in die bildende Kunst vor-
nehmlich seit dem nach reicher Dekoration
strebenden XII. Jahrh. ein. Ob es dieses
Streben nach Schmuck allein war, was den
Physiologus als Fundgrube benützen liefs oder,
was das Wahrscheinlichere ist, ob die Sinn-
bilder, die man darin für die christliche Heils-
lehre fand, zur Darstellung reizten, wollen wir
hier nicht weiter untersuchen. Zweifellos aber
steht jedenfalls fest, dafs der Physiologus reiche
Ausbeute für den Dekorationskünstler bot.

Die der Kunst geläufigsten Szenen, welche
dem Physiologus entlehnt sind, beziehen sich
auf den Löwen, das Einhorn, den Phönix und
den Pelikan. Der Löwe wird dargestellt, wie
er seine neugeborenen leblosen Jungen nach
drei Tagen durch sein Gebrüll erweckt, so
wie Gott Vater den Sohn am dritten Tag aus
dem Grabe wieder erstehen liefs. Es symbolisiert
demnach dieses Bild die Auferstehung Christi,3)
und das ist die gewohnte Auslegung. Nach
Konrad von Würzburgs Goldener Schmiede4)

') »Geschichte der christlichen Kunst«, II, 269,
a) Lauchert, »Geschichte des Physiologus«,
1889. S. 64.

') Menzel, »Christliche Symbolik«, II, (18">4).
S. 36 ff.

4) Grimm, »Konrads von Würzburg Goldene
Schmiede«, 1840. S. 16.

Du (Maria) bist des lewen muoter
der siniu töten welfelin
mit der lüten stimme sin
lebende machet schöne

(Vers 502 bis 511) wird das Bild auf Christus
bezogen, dessen letzter Seufzer am Kreuze
die Toten weckt, wie der Löwe seine Jungen.

Von dem Einhorn6) wird erzählt, dafs es
ein so gewaltiges und unbezähmbares Tier
sei, dafs es kein Jäger mit Gewalt fangen
könne, dafs es sich aber willig im Schofs einer
Jungfrau berge. Das Tier „bedäut unsern
herren Jesum Christum, der was zornig und
grimm e er mensch würd, wider die höchvart
der engel und wider die ungehorsam der laut
auf erden. Den vieng diu hochgelobt mait
mit irer käuschen rainikait, Maria, in der
wüesten diser kranken werlt, dö er von himel
her ab sprang in ir käusch rain schöz.6) Die
Einhornlegende bezieht sich also auf die
Menschwerdung Chritsi.

Von dem Pelikan weifs der Physiologus
eine Fülle von Beziehungen zur Person Christi
zu berichten,7) die in der Hauptsache auf den
Opfertod des Heilandes hinzielen, der wie der
Pelikan für seine Jungen, für die Menschheit
sein Herzblut hingab.

In dem Phönix, der altersschwach sich ver-
brennt, um aus der Asche neu zu erstehen,8)
erkennt die christliche Symbolik den sich auf-
opfernden und nach dem Tode wieder auf-
erstehenden Heiland.

Eines der frühesten Beispiele für die deko-
rative Verwendung dieser Sinnbilder gibt uns

din sün, do er ze nöne
dristunt an dem criuce erschrei
dö brach des tödes bant enzwei
der uns vil armen, siniu kint
twanc, die lebende worden sint
von diner helfe, reiniu maget.
Menzel a. a. O. S. 37 führt noch eine Stelle
aus einem Hymnus des Faulbert von Charlres an, die
gleichfalls hier einschlägt. Christus invictus leo, —
dum voce viva personat - a morte functos excitat.

5) Fr. Schneider, »Die Einhornlegende« in den
Annalen des Vereins für Naussauischc Altertums-
kunde XX, (1887). Ders., „La legende de la Li-
corne" in »Revue de l'Art chretien« VI, (1888). Ders.,
»Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit«, S. 133.
Vergl. auch die Emailplatte im bayerischen National-
Museum, Saal 8, Vitrine 21.

6) Pfeiffer, »Das Buch der Natur von Konrad
von Megenberg«, (1861), S. 162 und G rä fse, > Beiträge
zur Literatur und Sage des Mittelalter«, (1850), S. 69.

7) Pfeifer a. a. O. S. 210.

8) Ebenda S. 186 und Grälse a. a. O. S. 71 ff.
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