Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Pluvialschliefsen aus dem Schatz der Stiftskirche zu Tongern.

(Mit 4 Abbildungen.)

ine zum Zwecke des Studiums der
alten Jesuitenkirchen jüngst durch
Belgien unternommene Reise führte
mich an Tongern vorbei, dessen
Pfarrkirche, einst eine bedeutende Stiftskirche,
sich bekanntlich eines hervorragenden Kirchen-
schatzes rühmen kann. In Belgien hat der
Schatz nicht viele seinesgleichen, aber auch unter
den nichtbelgischen Kirchenschätzen nimmt er
unzweifelhaft einen ehrenvollen Platz ein.

Was meine Aufmerksamkeit beim Besuch
des Schatzes in besonderern Mafse erregte,
waren aufser den reich-
gestickten Paramenten,
Arbeiten des XVI. und
XVII. Jahrh., und der
Unzahl zum Teil höchst

interessanter Reli-
quienbeutel und Au-
monieren, namentlich

die Pluvialagraffen.
Nirgends dürfte man
deren noch eine so
grofse Zahl aus frühe-
rer Zeit besitzen, wie
gerade zu Tongern.
Weist doch der Schatz
ihrer nicht weniger
als ein volles Dutzend
auf, von denen die

Mehrzahl entweder
ganz oder doch in
ihren Hauptbestand-
teilen noch dem XV. Jahrh. angehört,
der Agraffen bilden Gegenstücke.

Die Abbildungen, die ich folgen lasse, geben
die vier Haupttypen der Tongerner Pluvial-
schliefsen wieder. Sie beruhen auf Photo-
graphien, welche mir auf Grund freundlicher Er-
laubnis des Herrn Dechanten Peters, Ehren-
domherrn der Kathedrale zu Lüttich, bei meinem
Besuch der Schatzkammer aufzunehmen ver-
stattet war. Die in Abbildung I dargestellte
Agraffe ist die Stiftung eines Kanonikus Jo-
hannes Cleinjas und entstammt dem Ende des
XIV. Jahrh. Sie besteht aus vergoldetem
Silber und hat einen Durchmesser von 0,165 m.
Die Mitte enthält eine Statuette der Gottes-
mutter mit dem Kind unter gotischem Baldachin,

Abbildung 1.

Einige

der bereits ausgesprochene späte Form zeigt.
Trefflich ist der Faltenwurf behandelt; auch
die Haltung Marias befriedigt. Der Künstler
hat es verstanden, durch die leichte Ausbiegung,
welche er dem Körper gab, zugleich Leben
und eine gewisse Würde in die Figur hineinzu-
legen. Weniger glücklich ist er in Behandlung
des Kopfes der Gottesmutter gewesen, ganz mifs-
glückt aber ist das Jesuskind. Eine gute Arbeit
sind die leider sehr beschädigten, durchsich-
tigen Emails, mit denen der Fond der Agraffe
zu beiden Seiten der Mittelfigur gefüllt ist.
Rechts kniet auf blau-
em, mit zarten Ran-
ken und weifsen Blüm-
chen gemustertem
Grund der Donator,
in der Hand ein
Spruchband mit der
Inschrift: miserere mei
in gotischen Minus-
keln. Links ist ein
Engel mit einem Wap-
penschilde angebracht,
auf welchem oben zur
Linken dem Wappen
der Stiftskirche das
Wappen des Stifts-
herrn eingefügt ist.
Engel und Donator
sind beide von edler
Zeichnung. Der Engel
trägt auf dem Haupt
ein Kreuz; der Adler zu Fiifsen des Schildes
dürfte das Symbol des hl. Johannes Ev. sein,
und auf den Vornamen des Donators hin-
weisen.

Sehr einfach ist die Umrahmung der Agraffe;
sie entbehrt aller Profilierung. Ihr einziger
Schmuck besteht in leichten einpunktierten
Ranken, sowie den gleichfalls nur einpunktierten
Worten: ave gracia plena. Die Konsole der
Statuette umzieht in derselben Ausführung der
Name des Stifters: Joes cleinjas can., während
der Grund hinter der Muttergottesfigur durch
punktiertes Rankenwerk zart belebt ist. Von einer
früheren Emaillierung desselben ist keine Spur
zu entdecken. Leider kommen auf der Ab-
bildung das Rankenwerk und die Inschrift der
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