Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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Abhandlungen.

Die kunsthistorische Ausstellung in

Düsseldorf 1904.

I.

(Mit Abbildung.)

Stephan Lochner (Marienaltärchen

aus seiner

Werkstatt.

R&'Kat.-Nr. 23.)

eieinerRund-

schau über

künst-
lerische und
gewerbliche
Leistungen
der Gegen-
wart hat der
Blick in die
Vergangen-
heit seine
gute Be-
rechtigung. Von den „alten Meistern"
datieren nicht minder entscheidende
Wandlungen wie von der künstlerischen
Bewegung, welche die modernen Geister
erfüllt. Gegenüber den vielfach differenzierten
Strömungen des heutigen Tages bieten die
„Primitiven"1) das imposante Schauspiel einer
stetig und gesund sich fortentwickelnden Kunst-
übung, die, von großen Gedanken genährt,
festumschriebenen Zwecken dient und deren
Geschmacksrichtung und Formenkreis sich
in sicheren, jedermann vertrauten Bahnen be-
wegte.

Die kunsthistorischen Ausstellungen in Düssel-
dorf 1902 und 1904 sollten eine Übersicht der
schöpferischen Bestrebungen in den Rhein-
landen in alter Zeit und der dortigen Sammel-
tätigkeit darbieten und neben der Förderung
der Spezialstudien durch die Vereinigung un-

>) Die Bezeichnung- „die Primitiven" für die nor-
dischen Meister des XV. oder gar XVI. Jahrhunderts
erscheint mir in jeder Hinsicht ungeeignet und irre-
führend. Die Kunst eines Jan van Eyck, Roger,
Memling, Simon Marmion, Maitre de Moulins, Foucquet,
Conrad Witz, Schongauer, Hausbuchmeister usw.
knüpft an reichentwickelte Traditionen und zeigt in
Naturauffassung und Technik eine subtile Vollendung
und raffinierte Vielseitigkeit, wie sie nirgends den
frühen Anfängen einer Kunstübung eigen sind.

bekannter, zerstreuter und schwerzugänglicher
Stücke auch das Empfinden für künstlerischen
Stil, die Freude an der Eigenart unserer heimi-
schen Formensprache wecken und kräftigen.

Die hohe Bedeutung, welche die sogenann-
ten „Primitiven" sich bis heute bewahrten, be-
ruht in der überzeugenden Übereinstimmung
des gedanklichen und Empfindungsgehaltes mit
Form und Zweck des Werkes. Die Vergegen-
wärtigung der heiligen Historien und die Sym-
bole des Glaubens beanspruchen garnicht eine
bis zur letzten täuschenden Realität fort-
schreitende Darstellungsweise. Der andeutende
zartsinnige Ausdruck, der aus aufrichtigem
Herzen quillt, belebt weit intensiver das reli-
giöse Empfinden, beflügelt die andächtige Phan-
tasie. Der ehrliche Eifer, die neuerkannten Er-
scheinungen der bunten Wirklichkeit mit fest-
umschriebenen, auf sicherer Konvention be-
ruhenden Ausdrucksformen zu umfassen, ver-
leiht den besten Werken der alten Meister des
XV. und XVI. Jahrhunderts eine unvergleich-
liche Frische, den köstlichsten künstlerischen
Reiz. Unter diesen Gesichtspunkten hat nicht
bloß die Beschränkung der Auswahl, sondern
! sogar manche Unzulänglichkeit und eckige
I Härte der Naturwiedergabe im Rahmen einer
' Stilrichtung eine gewisse höhere Berechtigung.

In langen Entwicklungsreihen erschloß sich
die Natur ganz allmählich der künsterischen
: Bewältigung. In den subtilen Buchillustrationen
mittelalterlicher Handschriften, in ihrer anschau-
lichen Wiedergabe der mannigfachsten Szenen
bereitete sich eine Kunst vor, die sich nicht
mehr mit grofsen Konturen und dem Hin-
weis auf die Gedankenverknüpfung tiefsinniger
Vorstellungen begnügte, sondern mit immer
reicheren Mitteln die Illusion der Wirklichkeil
wenigstens in bestimmten Schranken anstrebte.
Wenn es auch den nordischen Malern des
XV. Jahrhunderts nur gelang, einen Teilaus-
schnitt des Weltbildes zu fixieren, die Bilder
zunächst aus fein beobachteten Einzelzügen zu-
sammengereiht sind, so verdient doch die ein-
dringliche Schärfe der Betrachtung, die Lauter-
keit und Echtheit des Gefühls und vor allem
das angeborene Stilgefühl dieser Künstler noch
heute unsere Bewunderung.


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