Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2,

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Email brun überzogen, durch Wegschaben der
schwarzbraunen Masse hat der Verfertiger
einen Altar mit Kelch, Patene, Leuchter und
vor demselben einen Priester in liturgischer
Gewandung, wohl den Geschenkgeber, zur An-
schauung gebracht. Die Seitenflächen sind
wie das ebenbeschriebene Portatile geteilt und
ebenso verziert. Auch hier sehen wir wieder
die Träger des neuen Bundes, die Apostel
und aufserdem die Muttergottes (mit dem
Lilienzepter und einem Apfel in der Hand)
zwischen Simeon und Johannes dem Täufer,
dieser mit einem Lamm, jener mit dem Jesu-
kinde auf dem Arme. Bei seiner Arbeit hatte
der Verfertiger wohl das erste Portatile vor
Augen, doch verstand er sich nicht so gut
auf die Emailarbeit und bekleidete deshalb
die Stäbchen und die Randflächen mit ge-
prefsten Silberplatten, in der Schnitzarbeit
aber war er seinem Vorgänger etwas über-
legen; denn bei allem ihnen anhaftenden
Schematismus zeigen die Figuren doch eine
gewisse Lebendigkeit in der Bewegung und
einen Anflug von Gefühlen und Gedanken.
Die Arbeit dürfte um einige Jahrzehnte jünger
sein wie das erste Portatile.181)

181) Beide Monumente sind noch nicht publiziert.
Vergl. »Führer durch den Hildesheimer Dom« S. 13 f.,

Hiermit dürfte die Anzahl der uns er-
haltenen Tragaltäre mit Elfenbeinschnitzereien
erschöpft sein.132) Bilden sie auch nicht be-
sonders hervorragende Monumente mittelalter-
licher Elfenbeinschnitzerei, so dürften sie doch
etwas mehr Beachtung verdienen, als sie in
den kunstgeschichtlichen Werken bislang ge-
funden haben. (Forts, folgt).
Amaseno fltalien). B eda Kleinschm idt, O.F.M.

wo beide Arbeiten etwas zu jung datiert sind, falsch
ist auch wohl die Erklärung des Simeon als Joseph.

13i) Hier möge noch eine Reliefplatte im Museo
Nationale zu Florenz genannt werden, welche
Graeven als Seite eines Tragaltars verzeichnet, wozu
folgende Inschrift am oberen Rande berechtigt: Hoc
altare dcdicatum ist in cruore Domini Salvatoris
victorissimae crucis. Die Mitte der Platte nimmt
Christus ein, gezeichnet nach Apoc. I, 12 ff.; er steht
zwischen sieben Leuchtern, hält in der Linken die
Schlüssel des Lebens und des Todes, in der Rechten
trägt er einen Stern, sechs andere erscheinen darunter,
aus seinem Munde geht ein (jetzt abgebrochenes)
Schwert hervor. Unter den beiden nächsten Bögen
erscheinen zwei fliegende Engel, weiterhin Maria und
Johannes der Täufer. Die Arbeit beruht auf byzan-
tinischer Vorlage und stammt aus dem XI. Jahrh.
Abb. Graeven, »Frühchristliche und mittelalterliche
Elfenbeinwerke«. Aus Sammlungen in Italien. Romf
1900, Nr. 28.

Zur Darstellung des Nackten in der bildenden Kunst und die Modellfrage.

I.

as in hellenischem Geiste geschehen
soll, ist nicht für Geld und Macht
zu haben; es mufs aus dem Geist
geboren sein und alle Veranstal-
tungen, welche nur von Amts wegen erfolgen,
sind auf diesem Gebiete wirkungslos.

......der ideale Zug des deutschen

Volks müss kräftiger werden, als zuvor, um
die niederen Triebe, welche im Wohlstand und
Frieden anzuwachsen drohen, mit sich fortzu-
reifsen, auf dafs ein Atemzug des höheren
Lebens auch unser tägliches Treiben durch-
dringe, dafs auch jeder sinnliche Genufs ver-
klärt und jedes Gastmahl ein Symposion werde."

Ernst Curtius,
(aus der Rede über die öffentliche Pflege von
Wissenschaft und Kunst vom 22. März 1870).

Die Besprechung dieser Frage hat aktuelle
Bedeutung, weil dieselbe nicht etwa nur den
engeren Künstlerkreis, vereinzelte Individuen

i und dazu den Seelsorger und Jugendbildner
berührt, vielmehr bei näherer Betrachtung
sich als eine Frage darstellt, welche, tief in
das soziale Leben einschneidend, für das
Familien- und Staatsleben im weitesten Um-
fang bedeutungsvoll ist.

In der christlichen Kunst bleibt die Dar-

I Stellung des Nackten wohl eine sehr begrenzte,
besonders im Hinblicke auf die Ausschmückung

I der Kirchen. Eine gröfsere Freiheit in der

! Behandlung dieser Gegenstände verbleibt dem
Künstler an nicht zu kirchlichem Dienste be-

| stimmten Orten; jedoch ist darum diese Freiheit
nicht ohne Riegel, geschweige eine schranken-
lose.

Das Erfordernis solcher Darstellungen —
auch zu kirchlichen Zwecken — setzt nun mit
der Notwendigkeit des Studiums des Nackten,
zuvörderst das Erlaubtsein solcher Studien vor-
aus; die Grenze des ,wie' und .wieweit'
geben hierbei der natürliche Anstand und die
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