Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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Mittelfigur, repräsentieren die oberste Ordnung
der himmlischen Hierarchie, d. h. der Throne,
der Cherubime und Seraphime, die aber für
gewöhnlich in der byzantinischen Kunst ge-
sondert dargestellt werden, und zwar so, dafs
erstere die Throne als feurige, mit Flügeln ver-
sehene Räder (Rabulasevangel. Himmelfahrt),
die Cherubime mit zwei Flügeln, die Sera-
phime sechsflüglig (k'^aniigvysg ) in jeder Hand
ein Flabellum mit dem dreimal heilig (äyiog,
äytog, äyiog), die Tetramorphoi endlich, eben-
falls s^ame'Qvyig und mit den vom Glorien-
schein umgebenen Häuptern; Adler, Stier,
Löwe und Menschenhäuptern, die alle aufwärts
schauen und in den Händen, gegen die Brust
gedrückt, die Evangelienbücher halten. Auf
unserer Tafel ist diese Vielheit in den zwei
Gruppen ausgedrückt.

Zu Füfsen Christi, ihm nur bis zu den Hüften
reichend, steht die bedeutend kleinere Figur
des Papstes Paulus, „Romanus", wie er sich
mit antikem Bürgerstolz nennt. Er ist trotz des
kleinen Mafsstabes eine langgestreckte Gestalt,
mit der Tunica bekleidet, die aber von der
weitfaltigen braunen Pänula fast ganz verdeckt
wird, nur von den Knieen abwärts sichtbar
ist. Hinter dem Haupte des Papstes ist die
blaue, weifs umränderte Tabula, Auszeich-
nung eminenter geistlicher und weltlicher
Würdenträger, angebracht, wie man gewöhn-
lich annnimmt, ein Zeichen, dafs der Dar-
gestellte zu seinen Lebzeiten gemalt worden ist.
Leider sind sowohl der Kopf, wie auch die
Hände, die er übrigens in Pänulaumhüllung
hochhält, fast vollständig zerstört. In den Hän-
den wird er das kostbar gebundene, mit Gold
und Perlen verzierte Evangelarium oder eine
Krone als Weihgeschenk gehalten haben.

7) Dionys Areop, »De hierarchiacelesti«, „Annales
archeol. Iconographie des anges*. I, XVIII, (1858.)

Hinter dem Haupte, oder wie es bei
Johannes Diaconus heifst: „a dextero vero cu-
bito usque ad circa scapulas versus ascendens",
lesen wir die Inschrift: „Sanctissimus Dominus
P. P. Paulus Romanus".

Unsere Gruppe mufs Mitte des VIII. Jahrh.
und zu Lebzeiten Pauls I. (757 bis 767) aus-
geführt worden sein.

Die Darstellung des stehenden, bärtigen
Christus zwischen den Tetramorphen ist in Rom
etwas ganz ungewöhnliches; ich kenne wenigstens
hier keine Parallelen. Auch ohne die Tetra-
morphoi begegnet sie uns hier selten, am Näch-
sten noch kommt ihr das Mosaik von S. Cosmas
und Damian, die unserer Kirche fast gegenüber,
auf der Nordseite des Forums liegt. Die dor-
tige Komposition wurde unter Papst Felix IV.
(526—50) ausgeführt und ist also zwei Jahr-
hunderte älter. Christus ist in derselben Hal-
tung, wie in S. Maria Antiqua, in goldener
Tunica und Pallium mit ausgestreckter Rechten,
in der Linken die Schriftrolle haltend, dar-
gestellt, aber er steht erhöht auf Wolken, in-
mitten der zwei Apostelfürsten, die ihm die
zwei heiligen Ärzte Cosmas und Damian zu-
führen. Dieselbe Christusfigur finden wir aber
auch in syrischen Miniaturen der Handschrift
Barberini VII, 62, der Vaticana und vor allem
des Rabulasevangeliars (Laurenziana, Florenz).
A. Baumstark bemerkt im „Oriens cristianus"*
1903, S. 198: ,,Den römischen Boden hat über-
haupt der Christustyp, der hier in Frage kommt,
erst in dem unter Felix IV. ausgeführten
Mosaikschmuck von S. S. Cosmas und Damian
betreten, und dieses ist — ein Werk abendländi-
scher Meisterhände unstreitig, aber ein Werk, das
gleichwohl, durch irgend ein grofses Vorbild von
örtlicher Kunst beeinflufst sein dürfte."

Man könnte an eine Darstellung in einer
der uralten Kirchen Jerusalems, Antiochias oder
Edessas denken.

Rom. E. Wüscher-Becchi.

Polychrome Einzelheiten von der kunstgeschichtlichen Ausstellung zu

Erfurt 1903.

nter den im Herbste 1903 zu Erfurt
ausgestellten Kunstobjekten befand
sich eine Reihe von Altären, Skulp-
turen und verschiedenen anderen
Werken, deren Bemalung auch weitere Kreise
von Künstlern und Kunstliebhabern interessieren

dürfte und deshalb an dieser Stelle besprochen
werden soll.

Die ausgestellten zwanzig Schnitzaltäre sind,
obwohl sie der gröfsten Anzahl nach ganz
armen Dorfkirchen angehören, sämtlich (in
Tempera) bemalt und reich vergoldet. Von
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