Zeitschrift für christliche Kunst — 20.1907

Seite: 113
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1907. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Erwägungen bei Betrachtung der „Deutsch-nationalen Kunstausstellung zu

Düsseldorf".
Ein Beitrag zur staatlichen „Haushaltungskunst".

s gibt eine Haushaltungskunst im
sozialen Leben, die den Aus-
gleich zwischen Einnahmen und
Ausgaben zu finden lehrt, die
uns das Soll und Haben, das Müssen und
das Können ins richtige Verhältnis setzen
läßt. Diese Haushaltungskunst, die im engeren
Kreise der Familie, je nach Rang und Lage,
eine sehr unterschiedliche sein kann, beherrscht
nicht minder das staatliche Leben, wo sie,
neben der Verwaltung von Hab und Gut,
das geistige Besitztum der Nation regelt und
das Müssen und Dürfen — im Gemeininter-
esse — auch auf dem Gebiet der Künste be-
stimmt.

Ein guter Hausvater sieht nach dem Erbe
seiner Väter, „denn Reichtum bleibt dir nicht
immer: aber die Krone wird verliehen von
Geschlecht zu Geschlecht", heißt es in den
Sprüchen Salomonis (27, 24).

Unter allem, was Gott in seiner Güte
dem Menschen zum Eigentume gegeben, und
dem im Entwicklungsgange des staatlichen
Lebens eine der erhabensten Rollen zugeteilt
worden ist, zählen wir die Künste — die dar-
stellenden und bildenden Künste, die unser Da-
sein zu verschönern und die Mühseligkeiten des
Erdenlebens zu lindern bestimmt sind. Welchen
Einfluß übt nicht schon auf das kaum lallende
Kind, wenn es, seine unschuldigen Händchen
in der frommen Mutter Hände gefaltet, be-
seligt dem Wohllaut der rhythmischen Weisen
folgt, das gereimte Gebet! — Welchen Grad
der Begeisterung erregt nicht in unzähligen
Fällen das religiöse oder vaterländische Lied,
das den ermatteten Pilger aufrichtet und den
schier zum Tode erschöpften Krieger zu neuen,
siegsichernden Taten anfeuert!

Wer vermöchte aber erst den Einfluß der
bildenden Kunst zu schildern, geschweige zu
begrenzen! Wie groß ist nicht schon die Macht
des gesprochenen Wortes! Um wieviel mehr,
um wieviel nachhaltiger aber wirkt das Bild,
welches sich gleichsam, wie das Siegel dem
Wachse, so der Seele des Beschauers dauernd
einprägt! — Das wußte man zu jeder Zeit,
und darum hing man auch schon gleich in
die Vorhalle des Tempels des Kronos jenes

durch den Sokratiker Cebes so berühmt ge-
wordene Bild: „Der Weg zum wahren Glück",
damit allen dem Heiligtum Nahenden sofort
gewiß werde, daß nur der Besitz der Tugend
und Rechtschaffenheit zur Glückseligkeit ge-
langen lassen. In demselben Sinne schrieb
der hl. Patriarch Germanus im Jahre 726 an

Leo den Isaurier, den Bilderstürmer: „.....

wir werden durch die Bilder an die Wahr-
heiten der heiligen Religion und an den from-
men Lebenswandel der Heiligen erinnert, so
auf eine einfache Weise belehrt und zum
Tugendeifer angetrieben." Den Theophilus
Presbyter hören wir in der Vorrede zum dritten
Buche seiner berühmten »Schedula diversarum
artium« reden: „Wenn die gläubige Seele zu-
fällig das mittels der Zeichnung dargestellte
Bild des Leidens unseres Herrn gewahr wird,
ergreift es sie. Wenn sie betrachtet, welche
Martern die Heiligen an ihren Leibern er-
duldet, welche Belohnungen des ewigen Lebens
sie empfangen, erwählt sie die Bahn eines
besseren Lebens. Wenn sie erblickt, wieviel
Himmelsfreuden, wieviel Qualen des höllischen
Feuers es gibt, ermutigt sie das Vertrauen auf
ihre guten Taten und schlägt bei Betrachtung
ihrer Sünden sie Furcht darnieder". — In einer
Reihe von Denkwürdigkeiten, Gedanken
(Pensees) und Maximen über die Ziele der
Dichter und bildenden Künstler spricht auch
Herder unvergängliche Worte, die den Bildnern
immerfort zur Mahnung und Warnung dienen
werden. — „Wozu, o Dichter, und du, bilden-
der Künstler, wozu trägst du den magischen
Stab und die Krone," ruft er, „wozu anders,,
als daß du uns in eine andere Welt zaubern
und magisch erfreuen und belehren sollst!
Alltägliche Dinge sehen und hören wir täg-
lich; mit trivialen Geschichten, mit Fratzen-
gestalten, wirst du uns wie ein Alp erdrücken
und töten. Doch über das grobe Gewirr des
wachenden Lebens erhebt uns dein Traum;
er zeichnet feiner; schone und ehre dein
eigen Gebilde, damit der wunderbare, reiz-
leihende, zauberische Traum nicht verfliege,
sondern zart und zarter wie ein Koischer
Flor webe und um so anmutreicher überwebe.
— Keine leeren Beschreibungen der Natur,
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