Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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die zu Anfang des 17. Jh. vom Neustädter
Vogt Friedrich Molinus ausging, machten
Brände und der Dreißigjährige Krieg zu-
nichte.
Erst mit der Residenznahme Hannovers
durch Herzog Georg von Calenberg-Göttin-
gen 1636 kam es zu einem planvollen Aus-
bau der Neustadt, an dessen Anfang die An-
lage der Befestigung und die Beseitigung der
Überschwemmungsgefahr im Gebiet der Lei-
netalaue standen. — 1653 war die Befestigung
der Calenberger Neustadt im wesentlichen
abgeschlossen. Gegen den Willen des hanno-
verschen Rats kam es in diesem Jahr auf Be-
treiben des Herzogs zu einer Vereinigung mit
dem Festungswerk der Altstadt.
Die eigentliche Bebauung setzte mit Nach-
druck erst 1651 aufgrund einer Verordnung
Herzog Georg Wilhelms ein, in der kosten-
freie Bauplätze und eine fünfjähige Steuer-
freiheit für Neuansiedler in Aussicht gestellt
wurden.
DAS GEBIET NÖRDLICH DER
CALENBERGER STRASSE


Zunächst wurden mit der Bäckerstraße, der
Langen Straße und der Calenberger Straße
vor allem vorhandene Straßenzüge ausge-
baut. Die Bäckerstraße existiert in ihrem
nördlichen Bereich aufgrund der großzügigen
Neuparzellierung der Nachkriegsbebauung
zwischen Neustädter Straße (= Kleine Duve-
straße), Kanonenwall und Leineufer nicht
mehr. Der Neuplanung fiel auch die Lange
Straße zum Opfer.
Zwei Häuser der Bäckerstraße (Rosmarin-
hof 2, 3) und Rote Reihe 5 überstanden die
Kriegszerstörungen und bildeten den Bezugs-
punkt der städtebaulichen Neuordnung nach
1945. Die historische Häusergruppe wurde
beim Wiederaufbau bogenförmig von Wohn-
hausneubauten eingefaßt und in eine Hof-
und Grünsituation einbezogen. Rosmarinhof
2 (= Bäckerstraße 17) ist ein laut dendro-
chronologischer Untersuchung um 1660 ent-
standener dreigeschossiger verputzter Fach-
werkbau. Der symmetrischen Fassade ist
eine doppelläufige Freitreppe vorgelegt. Als
Nachbarbau (Nr. 3) wurde 1910 das Neu-
städter Kirchengemeindehaus von Ed. Meyer
errichtet, ein verputzter Massivbau mit vor-
kragendem Obergeschoß und zweistöckig
ausgebautem Dreiecksgiebel in Fachwerk mit
reichen Zierformen. Der dritte zugehörige
Ziegelbau mit Sandsteingliederung aus dem
Ende des 19. Jh. ist das Pfarrhaus der Neu-
städter Kirche (Rote Reihe 5).
Südlich des bereits im Mittelalter um die ehe-
malige Lauenroder Burg entstandenen Sied-
lungsbereiches verlief die um die Mitte des
14. Jh. angelegte Calenberger Straße als von
der Burg unabhängige Verbindung zwischen
Nord-Süd-Fernstraße und Altstadt. Die ehe-
malige Bezeichnung „Calenberger Steinweg''
weist darauf hin, daß sie auf einem Stein-
damm in der Leineaue hochgelegt werden
mußte. Sie entwickelte sich nach ihrer Be-
gradigung zur Hauptstraße der Calenberger
Neustadt. Bis zur Kriegszerstörung bot sie
das geschlossene Bild eines Straßenzugs des
17. Jh.

Diese drei überkommenen Straßenzüge bilde-
ten das Rückgrat der absolutistischen Stadt-
planung, die in den 1653 im großen abge-
schlossenen Befestigungsring eingepaßt wur-
de.
Um den durch die neue Residenz gestiegenen
Raumbedarf zu decken und Baulücken mög-
lichst rasch schließen zu können, beauftragte
Herzog Georg Wilhelm 1660 den finanzkräf-
tigen Altstädter Kaufmann Johann Duve mit
der Errichtung einer Wohnsiedlung von 42
Häusern von „mehrentheils gleicher Größe
und in einer Linie" nördlich der Calenberger
Straße. An den leicht konvergierend auf die
Calenberger Straße mündenden Kleine und
Große Duvestraße (heute Neustädter Straße
und Duvestraße) und Rote Reihe entstanden
bis 1664 Häuser unterschiedlichen An-
spruchs entsprechend der sozialen Staffelung
ihrer Bewohner. Auch diese Hausreihen sind
kriegszerstört.
Die neue Siedlung, deren Verhältnis zur Alt-
stadt (z.B. zu den Zünften) über lange Zeit
gespannt blieb, brauchte einen Handelsplatz;
1671 verlieh ihr Herzog Joh. Friedrich das
Marktprivileg; und etwa gleichzeitig mit dem
Bau der Duve-Siedlung legte man auf dem
Gelände des seit 1646 allmählich zugeschüt-
teten Judenteichs (auf der Nordseite der Ca-
lenberger Straße, westlich der verschwunde-
nen Lange Straße) den Neustädter Markt an,
dessen Fertigstellung sich bis 1678 (Pfla-
sterung) hinzog. Das so gewonnene Areal
bot sich als städtebaulich idealer Bauplatz
für die protestantische Hauptkirche der
Calenberger Neustadt an, an deren Bau nach
der Konversion des Herzogs u.a. auch luthe-
risch gebliebene Kreise des Hofes, des Adels
und die Calenbergische Landschaft interes-
siert waren. Allerdings konnte die Kirche
ebenfalls nur durch die Übernahme des
überwiegenden Teils der Baukosten durch
Johann Duve finanziert werden.

St. Johanniskirche
Unter der technischen Leitung von Brand
Westermann entstand 1666—70 der Kirchen-
bau, an dessen Planung sich möglicherweise
der seit 1667 in Hannover tätige venetiani-
sche Baumeister Hieronymo Sartorio betei-
ligte. Der 1673 vollendete Fachwerkturm
mußte wegen Baufälligkeit bereits knapp 20
Jahre später durch einen massiven, dem
Schiff als selbständiger Baukörper westlich
vorgelagerten Turm (Bauzeit 1691—1700)
ersetzt werden. Nach verschiedenen z.T. ein-
schneidenden Umbauten (1870/72 und
1901/13) brannte die Kirche infolge der
Bombenangriffe aus und wurde 1956—58
mit verändertem Innenraum wieder herge-
stellt.
Die Kirche ist die erste im heutigen Nieder-
sachsen, in der die protestantische Vorstel-
lung vom Sakralbau als nicht hierarchisch
gegliederter, einheitlicher Predigt- und An-
dachtsraum mit umlaufenden Emporen und
Kanzelaltar eine Ausformung erfuhr. Es han-
delte sich um einen sieben Achsen langen
Rechtecksaal unter mächtigem Satteldach
mit hölzerner Flachtonne und eingezogener,
queroblonger Altarnische; vor den beiden
westlichen Achsen fanden sich auf quadrati-
schem Grundriß dreigeschossige Anbauten
mit Treppenanlagen. Den drei Ebenen im
Inneren (Schiff, Doppelempore) entsprach
der dreigeschossige Aufriß mit gekuppelten
Rechteckfenstern. Die horizontale Gliede-
rung durch Geschoßteilung und Traufzone
skandieren flache Stützpfeiler, um die sich
noch heute die feinprofilierten Gurtge-
simse kröpfen. Dieser originale Aufriß mit
reliefierten Brüstungsplatten (barocke
Fruchtgehänge) findet sich nur noch an der
Chor- und Westseite, denn 1870/72 gab man
zugunsten der besseren Belichtung des
Schiffes die oberen Empore auf und brach
die übergreifenden rundbogigen Fenter in die
beiden Längsseiten, so daß ein belichtetes

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