Die Gartenkunst — 32.1919

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An der Schwelle

IV. Die Gärtnerlehranstalten.

In den Ausführungen, mit denen ich unter
dieser Überschrift denjahrgang 1919der „Garten-
kunst“ einleitete, habe ich verschiedene Fragen,
die uns demnächst werden beschäftigen müssen,
mit wenigen Strichen Umrissen, und auch die
Ausbildung unseres Nachwuchses gestreift. Ich
konnte natürlich eine so wichtige Frage im
Rahmen eines allgemeinen Überblicks nicht ein-
gehend erörtern; dazu hätte ich erheblich weiter
ausholen müssen, als dies in einer Einführungs-
betrachtung möglich ist.

Anders war es bei nebensächlichen Punkten,
die in wenigen Sätzen erledigt werden konnten,
wie z. B. Behebung des Übelstandes, daß be-
fähigte junge Fachgenossen durch die Bestim-
mungen über die Gartenmeisterprüfung in ihrem
Fortkommen gehemmt sind, wenn ihnen durch
äußere Verhältnisse die Erfüllung der Vorbe-
dingungen für diese Prüfung (Anstaltsbesuch usw.)
unmöglich gemacht ist. Wer meine Betrachtungen
zu diesem Punkt vorurteilslos aufnimmt, muß
zugeben, daß hier eine Härte vorliegt, für deren
Beseitigung dann auch Gartenbaudirektor Zahn
im Märzhefl S. 34 und 35 einen gangbaren Weg
nachgewiesen hat. Die Zahnschen Vorschläge zei-
gen, daß meine Forderung nicht zu ungerecht-
fertigter Vorschubleistung von halbgebildetem
Autodidaktentum zu führen braucht, wie ange-
nommen werden kann, wenn man sie aus dem
übrigen Zusammenhänge herausgreifl.

Derartiges liegt mir vollständig fern. Es drängt
mich aber auf Abhilfe zu sinnen, wenn ich sehe,
wie gerade durch Einführung der Gartenmeister-
prüfung tüchtige junge Berufsgenossen, die mühe-
los ein halbes Dutzend diplomierte Lehranstalter
in die Tasche stecken können, vor der durch den
Prüfungsstempel geaichten Mittelmäßigkeit zu-
rückstehen und dadurch unausbleiblich verbittert
werden müssen, nur weil sie die Vorbedingungen
für jene Prüfung nicht mehr erfüllen können.

Man kann in einer solchen Frage natürlich
verschiedener Meinung sein. Ich darf aber wohl
beanspruchen, daß mir genügend Verständnis
und Einsicht zugetraut wird, um die billigerweise
zu fordernde Regelung eines solchen nebensäch-
lichen Punktes nicht als den Kern der Aus-
bildungsfrage zu betrachten. Ich habe mich,
sollte ich meinen, schonlange genug mit derartigen
Berufsfragen beschäftigt, um vor solchen Unter-
stellungen sicher zu sein.

Über die Ausbildung unseres Nach-
wuchses und die damit eng zusammen-
hängende Entwicklung unserer höheren
Gärtnerlehranstalten habe ich mich zum
letzten Male im Jahre 1913 auf der Gartenbau-
woche in Breslau geäußert, wo mir ein Vortrag

einer neuen Zeit.

von Exzellenz Thiel über die höheren Lehran-
stalten Veranlassung gab, meine Meinung zu
sagen. Was ich damals gesagt habe, kann man
in Nr. 43 von Möllers deutscher Gärtnerzeitung
1913, Seite 511 u. folgende nachlesen. Zu diesen
Ausführungen bekenne ich mich in der Hauptsache
auch heute. Wollen wir in der Ausbildung unseres
Nachwuchses bald zu bessern Ergebnissen kom-
men, dann müssen wir zunächst an die gegebenen
Verhältnisse anknüpfen, und diese den neuen
Bedürfnissen entsprechend ausgestalten. Das
bedeutet durchaus keinen Verzicht auf höher
zielende Forderungen, wie sie z. B. in den Hoch-
schulbestrebungen unter den Gartenarchitekten
zum Ausdruck gekommen, die aber noch um keinen
Schritt ihrem Ziele näher gerückt sind. Ich würde
es für einenFehler halten, um höherer Ziele willen,
das Naheliegende zu vernachlässigen, ebenso
wie es verkehrt wäre sich bei der Entwicklung
der zunächstliegenden Möglichkeiten den Weg zu
jenen höheren Zielen zu verbauen. Das eine muß
unter Rücksichtnahme auf das andere geschehen.

DasBestehende sind unsere Höheren Gärtner-
lehranstalten, von denen wir in Preußen drei
(Dahlem, Geisenheim und Proskau) und einige
weitere in andern Bundesstaaten besitzen. Ich
ging bei meinen Ausführungen in Breslau auf
die Verhältnisse der drei preußischen Anstalten
näher ein, und wenn ich mich auch heute an sie
halte, so geschieht es, weil die Verhältnisse bei
ihnen für meine Darlegungen einen brauchbaren
Ausgangspunkt bilden; dem Sinne nach sind die
anderen mit einbegriffen.

Zunächst forderte ich in Breslau, daß die
Vorzugsstellung der Dahlemer Lehranstalt, die
in der für die Zulassung verlangten höherenVor-
bildung zum Ausdruck kommt, beseitigt wird, und
zwar nicht indem man sich nach unten ent-
wickelt und die Aufnahmebedingungen in
Dahlem heruntersetzt, sondern indem
man die anderen Lehranstalten Dahlem
in diesem Punkte gleichstellt. Es ist gar-
nicht einzusehen, warum bei drei sonst ziemlich
gleichartig behandelten Anstalten ein solcher
Unterschied noch aufrecht erhalten wird. Handels-
gartenbau, Obstbau, Baumschulen und andere
Zweige des weiten Gartenbaugebietes haben sich
im Laufe der Zeit hoch entwickelt und stellen an
die führenden Männer Anforderung en, die nur er-
füllt werden können, wenn die fachliche Ausbildung
sich auf dem Untergrund einer gediegenen Schul-
bildung auf baut. Es sollte deshalb bei allen auf
die Hebung und den Ausbau der höheren Gärt-
nerlehranstalten gerichteten Bestrebungen die
Forderung an erster Stelle stehen: dieBesucher
aller dieser Anstalten haben bei der
Aufnahme mindestens eine Schulbildung

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