Die Gartenkunst — 32.1919

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Bergmanns-Siedlung Barsinghausen a. Deister.

Bilder und Gedanken

von H. F. WiepKing, Berlin-Grunewald.

Unweit von Hannover liegt am Deistergebirge
das Dorf Barsinghausen, eine der ersten diristli-
chenGemeindenimLande derNiedersachsen. Noch
heute le.bt dieser unvermischte deutsche Stamm
in dem gesegneten Lande zwischen Deister und
Leine. Der Eltern Art wird treu bewahrt, und
doch wird den Anforderungen der Neuzeit willig
Folge geleistet. Land- und Hausbau stehen in
höchster Kultur.

Heute ist das alte Klosterdorf ein Bergmanns-
dorfgeworden. Hunderte vonBergmannshäusern
geben dem Ganzen ein eigenartiges Gepräge.
Seit etwa einhundertundzwanzig Jahren wird
hier die Deisterkohle gefördert. Waren die ersten
Anfänge der Tage- und der Stollenbau, so steht
hier heute eine der größten deutschen Gruben
mit einer Belegschaft von über 2500 Mann und
drei Tiefschächten. Sie verändert Landschaft,
Dorf und Menschengeist. Das Werk liegt im
rein land- und forstwirtschaftlichen Kreise, von
der StadtHannover
durch 30 km Eisen-
und Straßenbahn-
fahrt zu erreichen.

Interessant und
äußerst lehrreich
ist nun, daß die
Bergleute aus sich
heraus, ohne be-
hördliche Fürsorge,
sich eine Wohn-
stätte, eine Kolonie
im besten Sinne des
Wortes, geschaffen
haben,die denldea-
len einer ländlichen
Siedlung recht nahe
kommt. Von den
vielen mir bekann-
ten Arbeiterdörfern
ist mir Barsing-
hausen das liebste.

Beim Durchwan-
dern seiner Dorf-
straßen und beim
Anblick seiner ar-
beitsfreudigen,
stolzen Bevölke-
rung muß man im-
mer wieder erneut
bedauern, daß wir
in Deutschland nicht
überall solche ge-
sunde — und zu er-
reichende — Woh-

nungsverhältnisse für unsere Industrie- und
Werkarbeiter geschaffen haben. Uns wäre der
heutige allgemeine Tiefstand des menschlichen
Empfindens — in seiner Schärfe wenigstens —
erspart geblieben.

In den Jahren von 1860 bis etwa zum Jahre
1870, also vor der Gründung des Reiches und noch
zu hannoverschen Zeiten, entstand auf ehemals
klösterlichem Gelände die älteste Barsinghäuser
Bergmannskolonie. Die Abb. Seite 136 zeigt uns
das Schema des Grundplanes. Fast alle Häuser
sind von der gleichen, noch heute überaus prakti-
schen Bauart.

Entwickelt ist das Haus aus dem niedersäch-
sischen Bauernhause, jenem Hause, das Jahr-
tausende hindurch seine Berechtigung in der
deutschen Tiefebene immer neu bewiesen hat
und fernerhin auch beweisen wird. EineZeitlang
bauten auch hier die Bergleute, wie anderswo
die Hochschularchitekten, „modern“. In Barsing-
hausen ist man zum
guten Alten freudig
zurückgekehrt, —
und man bereut es
nicht. Würden un-
sere heutigen füh-
rendenBaukollegen
inniger und mit
mehr Liebe die Ver-
hältnisse des hei-
matlichen Arbeiters
studiert haben, so
wären uns viele Ver-
irrungen im Sied-
lungswesen erspart
geblieben. Schöne
Perspektiven und
mehr oder minder
bezahlte lange Ar-
tikel in Kunst- und
Bauzeitschriften er-
geben noch längst
keine gebrauchs-
fähige, ideale Sied-
lung. Das sollten
wir alle beherzigen.
Die Verhältnisse
der sechziger Jahre
des vorigen Jahr-
hunderts stellten
andere Anforderun-
gen an das Siedler-
haus als die heuti-
genTage. Vor allem
gab es noch keine

Lageplan der Bergmanns-Siedlung in Barsinghausen a. Deister.
Schemat. Skizze: ca. 1 :5000. H. F. Wiepking, Berlin-Grunewald.

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