Die Gartenkunst — 32.1919

Page: 76
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gartenkunst1919/0080
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
recht gezogenen Bäumdien werden wohl an-
gepflanzt, verkommen aber schon bald,
weil es an der richtigen Pflege fehlt.
Das Personal der Gärtnereien, die sich mit der
Unterhaltung von Gärten befassen, aber auch
die meisten Privatgärtner verstehen heutzutage
von der sachgemäßen Behandlung der Form-
bäume, namentlich von ihrem richtigen Schnitt,
nicht mehr genug, um die jungen Bäume am
endgültigen Standort weiter zu behandeln. Wenn
sie erst mal vernachlässigt sind, ist es schwer,
sie wieder in die richtige Form zu bringen. Der
Besitzer selbst steht rat- und hilflos daneben,
bis er die Geduld verliert und die verwilderten
und zu formlosen Büschen entarteten Bäumchen,
die zudem nur geringen Ertrag bringen, besei-
tigen und nach dem Rat seines Gärtners durch
Schlingrosen, wildenWein u. dergl. ersetzen läßt,
deren Pflege wenig Aufmerksamkeit und Sach-
kenntnis erfordern.

Diese Umstände haben die Formobstzucht in
Mißkredit gebracht und in der Hauptsache ihren
Rückgang herbeigeführt. Unnützes Buschwerk,
ertraglose Hecken und viele Quadratmeter
Wandfläche, überwuchert mit dem bequemen
selbstkletternden wilden Wein, sind an ihre
Stelle getreten. Hier muß Wandel geschaffen
werden, wenn wir mit dem Obstanbau im Klein-
betrieb Erfolg haben wollen. Man muß vor
allen Dingen mit dem Vorurteil auf-
räumen, daß die Pfleg e des Formobstes
eine besonders schwierige Sache sei.
Die allgemeinen Regeln und Handgriffe lassen
sich leicht nach praktischer Unterweisung oder
aus einem guten Handbuch erlernen. Zu ihrer
richtigen Anwendung gehört in der Hauptsache
liebevolle Beobachtung der Wachstumserschei-
nungen und der Eigenart der einzelnen Bäume.
Danach müssen alle Eingriffe sozusagen gefühls-
mäßig abgestimmt werden, etwa wie bei der
Erziehung auf die Eigenart jedes einzelnen Kin-
des eingegangen werden muß. Wer dafür ein
offenes Auge hat, kommt schnell hinter das Ge-
heimnis der richtigen Behandlung und wird die
nötige Sicherheit darin erlangen. Die Erfolge,
welche dann nicht ausbleiben, machen die aufge-
wandte geringe Mühe belohnt, und lassen die

An der Schwelle

Glossen zur Zeit. Unter dem Titel „An der
Schwelle einer neuen Zeit“ behandelte Herr Heicke
in Nr. 4, 1919, der „Gartenkunst“ unter anderem
Fragen, die die Ausbildung unseres Nachwuchses
betreffen. Ich möchte hinsichtlich des Gartengestal-
ters hierzu Stellung nehmen, jedoch mehr unter
Berücksichtigung der großen, unsere Zeit bis aufs
Tiefste aufwühlenden Strömungen, die nach Be-
freiung aus sozialer und geistiger Not zielen. Will
ich hierbei die Gründe für meine Stellungnahme
aufzeigen, so kann ich die Erörterung allgemeiner
Fragen nicht umgehen.

Arbeit im Obstgarten zu einem Quell immer
neuer Freuden werden.

Es leuchtet hiernach ohne weiteres ein, daß
nur derjenige in der Formobstzucht Erfolg haben
kann, der die Bäume ständig selbst unter der
Beobachtung hat, sich bei jedem Eingriff bewußt
ist, was damit bezweckt wird, und nach dem
Erfolg seine Erfahrung stets berichtigt. Also
vom Besitzer selbst hängt es ab, ob seine Form-
bäume gedeihen, mag er nun sich auf die Über-
wachung und Anleitung seines Personals be-
schränken oder, wie es in kleinen Gärten Regel
sein wird, die Arbeit selbst ausführen. Nur infolge
solcher aufSelbstbetätigung gestützter Erfahrung
kann ein dauernder Erfolg der Spalier- und
Formobstzucht erreicht werden. Man kann das
leicht an hier und da in Kleingärten vorkom-
menden Beispielen feststellen, wo man öfter
Formbäume, Laubengänge und dergleichen an-
trifft, die von Laien ohne Vorkenntnisse oder
fachmännische Mitwirkung gezogen sind und
selbst sachverständiger Beurteilung standhalten
(Bild Seite 75 oben rechts). Auch Ausführungen,
wie sie sich z. B. von Frau Dr. Schröder in
Poggelow in Mecklenburg im Jahrgang 1913 der
Deutschen Obstbauzeitung finden, mögen zur
Bestätigung der Richtigkeit meiner Ansicht an-
gezogen werden.

Die Formobstzucht ist in hohem Grade ge-
eignet, zur Verbreitung und Vertiefung der
Neigung zum Garten beizutragen. Sie regt zu
nützlicherSelbstbetätigungundNaturbeobachtung
an. Dazu kommt die Freude an den mit den
Jahreszeiten wechselnden Reizen der Bäume:
Im Frühjahr die märchenhafte Pracht der Blüten,
im Sommer die Entwicklung der halb im Laub
versteckten Früchte, die im Herbst in den leuch-
tenden Farben der Reife prangen, und imWinter
erfreut sich das Auge an der Gesetzmäßigkeit
im Aufbau des Gerüstes der Äste.

Neben dem Ertrag für das Wirtschaftsleben
und der Steigerung der Schönheit unserer Wohn-
stätten ergibt sich als drittes aus der Förderung
des Obstbaues im Garten der Gewinn für Geist
und Gemüt!

Nun, Ihr Herren Gartenarchitekten, seid Ihr
an der Reihe ! Franz Hohm.

einer neuen Zeit.

Auch die Gartengestaltung ist mit den übrigen
Lebensfragen eng verknüpft, hat nur Sinn im Zusam-
menhang mit diesen. Legen wir die Gärtnerbrille ab!
Was geht um uns vor? — Immer lauter tönt die For-
derung, daß jedem die uneingeschränkte Möglichkeit
geboten werde, an dem Kunst- undKulturbesitz unseres
Volkes teilzunehmen. Dieserhalb nicht bloß Weg-
räumen aller materiellen Hindernisse, sondern auch
grundsätzliche Änderung im Aufbau unseres Bil-
dungswesens! Besonders jener Anstalten, die die
Bildung für Berufe vermitteln, innerhalb welcher
künstlerische Auswirkung möglich ist. In dem Be-

76
loading ...