Die Gartenkunst — 32.1919

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Beispiel eines großen Formobstgartens in Flandern.

Skizze von Gartenarchitekt C. Loether, Hamburg.

Der Obstbau im Garten, seine künstlerische
Durchdringung und wirtschaftliche Bedeutung.

In der Gartenkunst ist mehrfach die Wieder-
aufnähme derFormobstzudit in unseren
Gärten empfohlen und den Gartenarchitekten
nahegelegt worden, sich dieser Aufgabe anzuneh-
men. Diese Anregungen entsprechen sehr dem, was
uns zur Zeit not tut; nur möchte ich die Aufgabe
etwas weiter gefaßt wissen, und wünsche, daß sich
die Gartenkunst — ich meine die Zeitschrift und
die Zunft — überhaupt mit mehr Liebe und Ver-
ständnis des Obstbaues im Bereich unserer Gär-
ten annehmen möchte, als es in den letzten fünf-
zig Jahren der Fall war. Der Grund für diese
Vernachlässigung liegt meiner Ansicht nach darin,
daß die Gartenarchitekten mit dem Obstbaum
in den Landschaftsgärten nichts anzufangen
wußten und sich daran gewöhnten, ihn bei Seite
zu lassen. Aber es ist auch nach dem Aufkom-
men der neuen Richtung in der Gartenkunst noch
nicht wieder besser geworden. Ich bin also mit
Herrn Heicke einverstanden, wenn er der Wieder-
aufnahme der Formobstzucht das Wort redet;
sie dürfte am ersten geeignet sein, das Interesse
der Gartenarchitekten für den Obstbau wieder
zu wecken. Aber man wird nicht dabei stehen
bleiben dürfen, sondern muß dieses Kernstück
der künstlerischen Verwendung von Obstbäumen
im Garten zum Ausgangspunkt einer Erneuerung
im Ganzen machen.

Ich bin mir bewußt, daß ich da eine Frage
anschneide, mit der sich außer den Gartenarchi-
tekten, die es hier zunächst angeht, auch Baum-
schulenfachleute und Obstzüchter beschäftigen
sollten. Sie kann nur durch Handinhandgehen
aller Beteiligten gelöst werden, wozu auch noch
die Kreise gehören, welche für die Förderung
des Wohnungswesens zuständig sind. Jetzt ist
es Zeit dazu; denn jedes Mittel muß willkom-
men geheißen werden, welches zur Behebung
unserer wirtschaftlichen und Ernährungsschwie-
rigkeiten dienen kann, deren Nachlassen vorerst
noch nicht abzusehen ist.

Welche Bedeutung dabei die Förderung des
Obstbaues gewinnen kann, läßt sich durch wenige
Zahlen nachweisen: Schon vor dem Kriege war
die Einfuhr an Obst und Obsterzeugnissen aus
dem Ausland in ständigem Anwachsen; im Jahre
1912 haben wir davon für rund 70 Millionen, im
Jahre 1913 für rund 95 Millionen Mark einge-
führt, also in einem einzigenjahre eine Steigerung
um rund 20 Prozent erlebt. Wenn man die in-
zwischen eingetretene unheilvolle Verschiebung
der Kaufkraft unseres Geldes in Betracht zieht,
erscheint es denkbar, daß wir fürs erste die uns
fehlende Menge an Obst kaum aus dem Aus-
lande beziehen können, weil wir sie garnicht
bezahlen können. Die Zahl der in Deutschland

Gartenkunst Nr. 6, 1919.

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