Die Gartenkunst — 32.1919

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gruppe um so mächtiger hervortreten sollte. Vor
allem brachte er Mannigfaltigkeit in die Gehölz-
pflanzungen; den dunklen Föhren stellte er auf
dem höher gelegenen Teile die hellen Birken
gegenüber, und Buche und Ulme gesellten sich
zu den knorrigen, trutzigen Eichen. Auf diese
Art schuf Knobelsdorf einen natürlichen, har-
monischen Übergang von dem im strengen Park-
stil gehaltenen Kern des Schloßgartens zu der
lieblichen märkischen Wald- und Seenlandschaft,
die sich ohne Zaun- und Mauergrenze am West-
ufer des Sees daran lehnt und weithin erstreckt.

Bis heute ist die Parkanlage wenig ver-
ändert, eine Tatsache, die Rheinsberg besonders
für den Gartenkünstler wertvoll macht; auch
der Botaniker findet neben einem prachtvollen

alten Baumbestand eine typische Sumpfvegeta-
tion mit dichten Horsten des Wurmfarnes (Aspi-
dium Filix mas). Die Jahre haben wohl die
scharfen Linien der ursprünglichen Anlage etwas
verwischt, so ist der Orangerieplatz der eng-
lischen Landschaflsperiode zum Opfer gefallen;
aber sonst haben die Nachfolger Friedrichs nichts
geändert; nur Friedrichs Bruder Heinrich, der
Rheinsberg als Wohnsitz zugewiesen erhielt,
hat einen eigenartigen Theaterbau hinzugefügt.

So liegt denn, fern dem großen Verkehr, der
uralte Park mit seinen rauschenden Baumriesen,
die dunkle Eichenkrone auf dem helläugigen
Seenantlitz der deutschen Mark, und träumt von
längst vergangenen Tagen.

Hans Meyer, Berlin-Dahlem.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Hofgärten
und ihre Erhaltung für das deutsche Volk.

Von Gartendirektor Fritz EncHe-Cöln*)-

Seit den siebziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts waren wir gewöhnt, geringschätzig auf
die Zersplitterung und Ohnmacht des alten
Deutschland zurückzublicken. Im Gefühl der er-
rungenen Einheit sahen wir nur die Schwächen
der alten Zustände; wir urteilten eben ganz vom
politischen Standpunkt und übersahen die Licht-
seiten dieser Vergangenheit. Wo fanden deutsche
Dichter und Denker ihre Wirkungsstätten, wo
Unterstützung und Anerkennung, wenn nicht an
den großen und kleinen Fürstenhöfen, die in
jener Zeit überall in Deutschland blühten. Diese
Höfe waren Kulturstätten, an denen Kunst und
Wissenschaft, Bibliotheken und Kunstsamm-
lungen, Theaterwesen und Musik, nicht minder
die bildenden Künste begünstigt, gepflegt und
gefördert wurden. Baukunst, Malerei und Bild-
hauerei gelangten unter der Gunst der großen
und kleinen Fürsten zu hoher Blüte.

Bei der großen Zahl dieser selbständigen
Fürsten entstanden über ganz Deutschland hin
prächtige Schloßbauten und in Verbindung mit
ihnen Schloßgärten, oft von riesiger Ausdehnung
und großer Pracht, die, ebenso wie die Schlösser
selbst, einen hohen, zum Teil unersetzlichen
kunstgeschichtlichen Wert besitzen.

Zwar sind die Gärten nicht wie die Werke der
Baukunst, Malerei, Bildhauerei und des Kunst-
gewerbes in ihrer ursprünglich gewollten und
später erreichten Gestalt ohne weiteres dauernd
zu erhalten; denn sie bestehen in der Hauptsache
aus lebendigen, steter Veränderung unterworfe-
nen Baustoffen. Dieser Umstand ist jedoch kein
Grund dafür, die fürstlichen Gärten leichten

Herzens aufzugeben oder für andere Zwecke
umzugestalten, sondern umgekehrt sollten die
Gärten, die infolge liebevoller und kunstsinniger
Erhaltung stilrein geblieben sind, auch für alle
Zukunft so erhalten und dauernd einer sach- und
kunstverständigen Pflege unterworfen bleiben.

Inwiefern sind Gärten kunstgeschichtlich
überhaupt von Wert? Kunstgärten sind nicht
nur Stätten zur Schaustellung verschiedenartiger,
in mehr oder minder geschmackvoller Weise
angebauter und angeordneter Pflanzen. Ihre
Eigenart liegt vielmehr in ihrer ganzen Grund-
rißgestaltung, in ihrer Gliederung durch Wege,
Gras- und Wasserflächen, in der Anordnung
verschieden hoch liegender Teile und deren Ver-
bindung durch Terrassen, Stützmauern und Trep-
penanlagen, in dem Aufbau der körperlich wir-
kenden Gehölzmassen, die als Waldbestände,
Hecken oder Einzelbäume erscheinen. Erst in
zweiter Linie bedingen ihren Wert die Pflanzen-
arten in ihrer Verschiedenheit und besonderen
Schönheit. Wenn diese den Naturfreund auch
immer aufs neue entzücken, so wird doch jeder
zugeben müssen, der mit geschultem Auge für
Raumwirkung und Stil charaktervolle Gärten
durchwandelt, daß der Gesamteindruck in weit
höherem Grade von der Wirkung ihrer in guten
Verhältnissen gegliederten Flächen und Massen
abhängig ist.

Zwei große Ausdrucksformen kommen im
Garten zur Darstellung, die architektonisch for-
male und die naturalistische. DieKunstauffassung

°) Dieser Aufsatz bildet den Inhalt des auf der Hauptversammlung der deutschen Gesellschaft für Gartenkunst in Weimar vor-
gesehenen Vortrags, den anstelle des im letzten Augenblick verhinderten Verfassers Gartendirektor Scherer-Karlsruhe zu Gehör brachte.

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