Die Gartenkunst — 32.1919

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Ausbildungsfragen.

Unser BildungsunglücK und die Staatliche
KunstaHademie zu Düsseldorf. Für die rückschau-
ende Betrachtung der unglüddichen Entwicklung der
Gartenkunst kann kein Zweifel bestehen, daß die
künstlerische Ausbildung an den Gärtner-
lehranstalten nicht ausreicht. Allen, die sich
die Gartenkunst zum Lebensberuf erwählt haben,
an ihren höchsten Aufgaben mitschaffen wollen
und, im praktischen Leben stehend, noch künst-
lerisches Verantwortungsgefühl besitzen, ist die
Mangelhaftigkeit und beklagenswerte Unreife der
gartenkünstlerischen Leistungen mit einem Gefühl
der Bitterkeit klar geworden. Für den jungen Nach-
wuchs an denGärtnerlehranstalten müssen dieseDinge
endlich zu öffentlicher Aussprache gestellt werden,
damit sie vor späteren Enttäuschungen bewahrt
bleiben. Das Schidtsal des Einzelnen hängt manchmal
davon ab, daß er zu rechter Zeit Erkenntnis und Willen
habe und seine Forderungen formuliere. Es muß die
Jugend wie überall, so auch hier, von dem einmütigen
Gefühl beseelt werden, den Ausbildungsgang des
Gartenkünstlers neu zu gestalten. Denn es handelt
sich um nichts weniger und mehr, als daß die neue
Entwiddung Schritt vor Schritt die gegebenen Tat-
sachen erfasse. Ein Blick in die Lehrpläne der
höheren Gärtnerlehranstalten genügt, um zu er-
kennen, daß wir durch sie in ein trübes Verhängnis
eingesponnen sind: Durch vierjährige Praxis, durch
theoretischen Gartenbau und durdr naturwissen-
schaftlichen Unterricht an den Lehranstalten ist die
Gartenkunst erwürgt worden. Es liegen gewiß Gründe
für die einseitige Betonung des Gartenbaues an
unseren höheren Lehranstalten vor, aber diese ein-
seitige Betonung muß unseren Willen zum äußersten
Widerstande nur noch mehr entfachen, solange
unsere Kunst im Bildungsgang des Gartenkunst-
jüngers gegenüber den gartenbaulichen Fächern zur
Nebensache gemacht wird.- Bei den jetzigen Lehr-
plänen der Gärtnerlehranstalten mußten sie künst-
lerisch versagen.

Selbst wenn die Gärtnerlehranstalten den Bil-
dungsweg des Gartenkünstlers von Grund auf um-
gestalten würden, kann die abschließende, rein
künstlerische Ausbildung niemals an ihnen
erfolgen, weil sie isoliert sind und nicht im leben-
digen Zusammenhang stehen mit den Schwester-
künsten. Nur im engsten Zusammenwirken mit
Malerei, Bildhauerei und Baukunst kann sich der
Gartenkünstler das Rüstzeug verschaffen, das er für
seine höheren und höchsten künstlerischen Aufgaben
nötig hat.

Das waren wohl schon die leitenden Gedanken,
als man 1909 der Kunstgewerbeschule zu Düsseldorf
eine Architekturabteilung mit Gartenkunstklasse an-
gliederte. Die Gartenarchitekten, die diese Ausbil-
dungsstätte besuchten, haben erlebt, daß sie be-
sonders durch die gemeinsame Arbeit mit den Bau-
künstlern und Bildhauern eine starke Förderung
ihrer künstlerischen Bildung erfuhren. Der Erfolg
dieser kombinierten Arbeit wurde gewährleistet
durch Lehrkräfte, die sich mit größtem Interesse
in den Dienst der Gartenkunst stellten. Leider ist
die Einrichtung nicht in dem Maße benutzt worden,
wie es für die Entwiddung unserer Kunst wünschens-
wert gewesen wäre. Wenn auch die Besucherzahl
allenfalls genügte, so ist dochDüsseldorf nicht
der Sammelpunkt der besten gartenkünst-
lerischen Begabungen geworden. Darauf
kommt es aber an, diese zu erfassen. Der Tief-
stand unserer Kunst hätte bei den oberen Stellen
erkannt werden und Staat und Gärtnerlehranstalten
hätten mittellosen begabten Gartenkunstjüngern

durch Stipendien und Freistellen den Besuch dieser
Bildungsstätte ermöglichen müssen. Vor allen Dingen
hätten auch die Lehranstalten das Düsseldorfer
Studium für die Besten planmäßig als Abschluß
dem Ausbildungsgang des Gartenkünstlers einfügen
müssen. Erst wenn alle künstlerisch begabten jungen
Kräfte hier vereint worden wären, hätte diese Bil-
dungsstätte der hohen Aufgabe gerecht werden
können, zu der sie berufen war : frische belebende
Säfte unserer erstarrten und phantasiearmen Kunst
zuzuführen.

Nach der Revolution ist nun die Düsseldorfer
Kunstgewerbeschule aufgelöst worden. Ein Teil der
Klassen, darunter die Architekturabteilung mit Gar-
tenkunstklasse unter Prof. Wilhelm Kreis ist neuer-
dings der Staatlichen Kunstakademie zu Düsseldorf
angegliedert worden. Sie stellt die rein künstlerische
Ausbildung in den Vordergrund, ohne die bedeuten-
den wirtschaftlichen Fragen zu vernachlässigen. Auf-
nahmebedingungen sind der Nachweis technischer
Kenntnisse (für Gartenarchitekten erfolgreicher Be-
such einer staatlichen Gartenbauschule). Ausschlag-
gebend ist der Nachweis der künstlerischen Be-
gabung durch Lösung einer vom Lehrkörper gestellten
Aufgabe. Alles Nähere ist aus dem Unterrichtsplan
der Architekturabteilung zu ersehen, der beim Sekre-
tariat der Staatlichen Kunstakademie zu Düsseldorf
erhältlich ist.

Werden nun die Fachleute die hohe Bedeutung
dieser neuen Ausbildungsstätte mehr beachten als
früher? Werden sie erkennen, daß sich der Garten-
künstler wie der Maler, Bildhauer und Kunstgewerb-
ler dem Rahmen der Baukunst und ihren strengen
Gesetzen anzupassen hat? Werden sie sich dazu
verstehen, sich in ernster gemeinsamer Arbeit mit
den Schwesterkünsten zusammen zu finden? Wer-
den sie endlich begreifen, daß die Gartenkunst ein
ernstes Spezialstudium ist und daß der Garten-
künstler nicht noch hauptamtlich Techniker, Verwal-
tungsbeamter, Kultivateur und Ingenieur sein kann?
Kann solche niedere Auffassung unserer Kunst an-
dere Erfolge zeitigen als die bekannten phantasie-
losen Produkte unserer Gartenarchitekten? Wir
finden heute noch gar zu vieles, besonders das
Naturalistische, schön und — was noch schlimmer
ist — wir leiden an dem heuchlerischen Zurückdrängen
kritischer Gedanken. Gerade deshalb bedarf es des
gebührenden Anstoßes, wofür ich zweifelsohne die
Zustimmung jedes Unbefangenen erhalte.

Schwarzseher werden warnend den Finger er-
heben, und auf die trüben Aussichten des kommen-
den Jahrzehnts verweisen. Gewiß sind die Schwie-
rigkeiten nicht zu leugnen. Wenn wir aber nicht die
Kraft haben, uns mit Optimismus und Idealismus
zu der Überzeugung hindurchzuringen, daß wir
neben den andern Künsten eine Notwen-
digkeit sind und dafür kämpfen müssen,
dann freilich sind wir wert, zum alten Eisen ge-
worfen zu werden. Dann können wir in der Tat
nichts besseres tun als Kohl bauen!

Es ist bitter nötig, daß wir die Sackgasse sehen,
in die wir hineingeraten sind. Es gilt darum, unser
neues Ziel klar ins Auge zu fassen und in inten-
siver Eigenarbeit uns aus dieser Enge herauszu-
arbeiten. Dem kommt die Architekturabteilung der
Staatlichen Akademie zu Düsseldorf aufs glüddichste
entgegen.

Wird es nun wirklich aufwärts gehen? Wir
hoffen es mit der ganzen Inbrunst, mit der unser
Volk heute etwas von der Zukunft ersehnt. Das
kann für den Gartenkünstler nur der künstlerisch
gestaltete Garten sein. Das kann nur der schim-

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