Die Gartenkunst — 32.1919

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Kleingartenbau und Siedelungswesen

in ihrer Bedeutung für eine künftige deutsche Gartenkultur.

V. Gestaltungsmöglidikeiten und Aus-
stattung der Gärten.

Wir kommen in unseren Betrachtungen nunmehr
zum eigentlichen Garten. Da ist es zweckmäßig,
zunächst noch einmal zu wiederholen, was bereits
im ersten Abschnitt unserer Betrachtungen gesagt
wurde: Wir betrachten den eigentlichen Kleingarten,
auch Schrebergarten, den Siedlergarten, den bürger-
lichen Hausgarten und den Garten am Stadt- oder
Landhause des wohlhabenden Mannes hier nicht als
dem Wesen nach verschiedene Anlagen, sondern nur
dem Grade nach verschiedene Glieder einer Ent-
wickelung sreihe, in der der letztere das obere,
der hauslose Kleingarten das untere Glied bildet.
Zur Gestaltung aller wenden wir grundsätzlich die
nämlichen Mittel an, auch nur dem Grade nach ver-
schieden. Und wenn vom Siedlergarten hier häufiger
die Rede ist als von den anderen, so kommt es
daher, weil er zurzeit im Vordergrund des Inte-
resses steht und nach Umfang und Gestaltungs-
möglichkeit ungefähr die mittlere Stufe in der Reihe
einnimmt. So ergibt es sich von selbst, daß er zum
Schulbeispiel wird, an welchem wir am besten nah-
weisen können, wie wir alle diese Gärten in Zukunft
gestaltet sehen möchten.

Bei allen wird in der kommenden Zeit die wirt-
schaftliche Ausnutzung mehr als bisher den Aus-
gangspunkt für Grundriß und Aufbau bilden, also
der Gemüsebau in der Hauptsache die Einrichtung
bestimmen. Entwickelt sich dann aber, wie es bei
unseren Betrachtungen als Ziel gesetzt ist, aus der
zum Garten führenden wirtschaftlichen Not nach und
nach die dauernde Gartenliebe, dann werden sich
mit der Zeit auch verschiedene Typen herausbilden.
Der eine Nutznießer wird in der Hauptsache beim
Gemüsebau bleiben; denn
auch darin kann man
mehr finden wie lediglich
die Befriedigung rein wirt-
schaftlicher Bedürfnisse.

Man kann ihm viel Ge-
schmack im übertragenen
Sinne abgewinnen. Ich
denke noch gern an die Zeit
vor mehr als dreißig J ahren
zurück, wo ich zwischen
den Gemüsebeeten eines
herrschaftlichen Gartens
meine ersten praktischen
Kenntnisse erwarb. Aber
auch beim ausschließlichen
Anbau von Kohl stellt sich
bald der Sinn für Ordnung
und peinliche Sauberkeit
ein, und zum Verlangen
nah Shönheit ist es dann
nur noh ein Shritt. Blu-
menshmudc u. dergl. tritt
bereihernd hinzu, und aus
dem nühternen Gemüse-
gärthen wird ein kleiner
Shmuckkasten, reih an
Stimmung und Poesie.

Nicht Jeder bleibt beim
Anbau des Bedarfs an
Kühengewähsen. Der Er-
trag eines Zwergobst-
bäumchens reizt dazu,
die Zwergobstkultur unter

Einschränkung des Gemüsebaues besonders zu pfle-
gen, und mit der fortschreitenden Gewandtheit in
der Behandlung der verschiedenen Formen wird ein
regelrehtes Formobstgärthen sih herausbilden.

Wieder ein Anderer bevorzugt die Blumenzucht.
Farbenfrohe Rabatten, auf denen, durh scharf ge-
gezogene Buchsbaumkanten vom Weg geshieden,
es von Beginn des Lenzes bis in den November
hiaein in bunter Fülle blüht, dienen als Untergrund
für einen gewählten Flor von Hohstamm- und Bush-
rosen, während shönblühendes Strauhwerk den
raumabschließenden Rahmen an den Gartengrenzen
bildet (Abb. Seite 39, oben links). Bei manhem ent-
wickelt sih wohl eine Vorliebe für besondere Klas-
sen von Blumen, seien es Rosen, seien es gewisse
Gruppen der Stauden; sie werden mit hingebender
Liebe gepflegt und stolz den Besuchern gezeigt.

Und wieder einem Andern sind die Kinder die
Hauptsache. Auf sie wird der Zushnitt des Gärt-
chens eingestellt, sie bekommen ihren Rasenplatz
zum Tummeln, einen Sandplatz mit Turngeräten,
einige Beete, auf denen sie ihre Blumen betreuen
und kennen lernen. Oder der Garten wird über-
haupt zur Stätte der Körperpflege und Stählung der
Gesundheit mit Luft-, Sonnen- und Wasserbad.

So gewinnen die im Anfang ziemlih einförmig
einander gleihenden Gärten mit der Zeit besonderen
Charakter, wie das Harry Maasz in einigen treffen-
den Skizzen dargestellt hat, die im Aprilheft 1917
der Gartenkunst, Seite 50 bis 63, wiedergegeben sind
und den Vorzug haben, daß sie diese Gestaltungs-
möglihkeiten alle auf ein und demselben kleinen
Gartengrundstück nahweisen.

Worin aber diese aus Bedürfnis und Neigung
entstandenen vershiedenen Gartenformen überein-
stimmen müssen, ist das: Es sollen Sommergärten
sein in des Wortes eigen-
ster Bedeutung. Die licht-
flüchtigen Neuzeitmen-
schen sollen in den künf-
tigen Gärten wieder ge-
sunden. Dazu ist Shatten
das ungeeignetste Mittel,
und doh pflegt das Ver-
langen nah Shatten in
der Regel die erste For-
derung zu sein, die der
Auftraggeber an den Gar-
tenarchitekten stellt, und
manher weist den Gedan-
ken an einen eigenen
Garten zurück mit den
Worten: Ih erlebe es ja
niht, daß es darin mal
Shatten geben wird. Wol-
len wir im Garten Gemüse,
Früchte, Blumen, Farbe
und Leben haben, dann ist
Sonnedie ersteBedingung.
Je mehr davon in den Gar-
ten gelangt, desto besser
ist es.

Auf weihe Abwege war
man geraten! Die Not-
wendigkeit, in Schatten-
Gärten die Bodendecke
auch unter dem Drucke
der das Sonnenliht ab-
schließenden Baumkronen,
einigermaßen dicht zu er-

.H.

Gartenweg mit Platten in einem niedersächsischen Bauerngarten.
Aufnahme von A. Glogau, Geisenheim.

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