Die Gartenkunst — 32.1919

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Die Kleingartenkolonie
als dauernde Anlage im Stadtgebiet.*)

Von Bromme, Frankfurt a. M.

An warmherzigen Förderern des Gedankens,
Kleingärten (Laubengärten, Schrebergärten)
planmäßig zu dauernden Bestandteilen der
anwachsenden Großstädte zu machen, hat es
nicht gefehlt: Sozialpolitiker, Volkswirtschaftler,
Volkshygieniker, Städtebauer, Gartengestalter,
Bodenreformer sind seit Jahren in Wort und
Schrift dafür eingetreten. Wohlerläuterte Pro-
jekte mit reizvollen Bildern und ernsthaften Be-
rechnungen von Gartenertrag und Bodenzins
verlockten zur Verwirklichung; auf bestehende
uralte Gartenkolonien einiger deutscher Städte,
wie Kiel und Leipzig wurde hingewiesen. Und
doch schien die Friedenszeit „alter Zeitrechnung“
noch nicht reif zur Verallgemeinerung und zur
allseitigen Anwendung dieser Idee.

Die höchste Wertsteigerung des Grund und
Bodens als Bauland in einer Zeit, wo Stadtanbau
und Anwachsen der Einwohnerzahlen ein fast
ungesundes Zeitmaß zeigten und mit ungeahntem
Gewinn Garten und Ackerland (von vordem
lächerlich geringer Verzinslichkeit) verschlangen,
konnte dem Kleingartenbau keinen Vorbehalt,
keine Ausnahme in der Nutzungsmöglichkeit
belassen. Kaum daß der allernotwendigsten
Forderung nach öffentlichen Gärten und
Spielplätzen Rechnung getragen wurde. Wie
viel wichtiger war es zunächst hierfür einen
Ausgleich zu schaffen. Da konnte man einem
geringen Bruchteil der Bevölkerung, der sich mit
Kleingartenbau beschäftigte, nicht zu Lasten der
Allgemeinheit (oder unter freiwilligem Verzicht
auf goldenen Gewinn) auch noch das Recht zu-
gestehen, große Flächen Landes dauernd für
sich allein zu beanspruchen.

Untersuchen wir einmal, ob diese Begründung
berechtigt war, wenn wir dabei alle anderen Ge-
sichtspunkte bei der Beurteilung des Kleingarten-
baues, wie z. B. die gesundheitliche Bedeutung
der Gartenarbeit oder den Wert jeder Art
von Freifläche in der Großstadt usw. außer Acht
lassen. In Frankfurt a. M. waren vor dem Kriege
rund 61 ha in Kleingartenkolonien aufgeteilt.
Bei einer Durchschnittsgröße des Gartens von
300 qm waren also rund 2030 Pächter daran
beteiligt. Auf die Kopfzahl der Bevölkerung
mit einer Familienstärke von 6 Köpfen um-
gerechnet, da wohl überwiegend kinderreiche
Familien beim Kleingartenbau vor dem Kriege

in Frage kamen, waren es rund 12 160 Personen,
die unter einer Großstadtbevölkerung von 450 000
Einwohnern, von dem mühevollen, weit von der
Wohnung entfernt liegenden Kleingarten Nutzen,
Gesundung und Erholung erhofften, von der Ge-
samtbevölkerung mithin etwa 23/4 v. H. Setzen
wir die Besitzer und Nutznießer von Haus- und
Villengärten mit 71li v. H. an, so blieben noch
90 v. H. der Einwohner ausschließlich auf öffent-
liche Anlagen angewiesen.

So war es erklärlich, daß bei der bisherigen
Auffassung über das Gartenbedürfnis und den
Wert des Gartenbaues in der Großstadt noch
nicht einmal der Freiflächenbedarf jener 90 vom
Hundert aus öffentlichen Mitteln gestillt worden
ist. Wieviel weniger konnte der Kleingärtner
Verständnis für seine Forderung nach Dauer-
gärten finden, solange er damit der Allgemein-
heit Lasten oder dem einzelnen Grundbesitzer
Opfer zumutete! Eine Notlage zur Selbst-
erhaltung —- etwa ein Zwang, sich selbst mit
Gartenbauerzeugnissen zu versorgen — lag bei
den günstigen Ernährungsverhältnissen Deutsch-
lands nicht vor, und für Verwirklichung der so-
zialen und ideellen Werte schien die Gruppe der
Kleingartenbauer im Verhältnis zu unbedeutend.

Das Geschehen seit 1914 hat Zahlen und
Werte, Bedürfnisse und Anschauungen ver-
schoben. Durch die Hungerblockade, die die
„Wehrhaflmachung der Scholle“ zur Folge hatte,
wurden dem Kleingartenbau in Frankfurt a. M.
490 ha Grundbesitz gewonnen. Aus ?3/4 v. H.
wurden es 15 v. H. das sind rund 65 000 Ein-
wohner, die sich durch Kleingartenbau mit Frei-
landgemüse ganz und mit Kartoffeln zum Teil
selbst versorgen. Welch gewaltige Anzahl! Aus
vielen früher Spaten und Harke verachtenden
Großstädtern wurden eifrige ernste Gartenbauer,
aus manchem übersättigten Genußmenschen ein
landhungriger Gartenfreund. Dabei ist es nicht
annähernd möglich, dem Verlangen nach Garten-
pachtland heute zu entsprechen.

Was ist aus den zahlreichen Bauplätzen ge-
worden, die früher unkrautstarrend und schutt-
gehäuft, der Verachtung von Gartenbau und
Gartenzins beredten Ausdruck verliehen? All-
überall Gartenkultur, übergehend in Äcker
und Felder, selbst eindringend in unsere Stadt-
wälder! Soll das Land, was der einzelne sich

*) Inhalt des Vortrages auf der Tagung der leitenden Gartenbeamten gelegentlich der Haupt-
versammlung der D. G. f. G. in Weimar, Sept. 1919.

Gartenkunst Nr. 12, 1919.

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