Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 21.1905-1906

Seite: 390
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-5^> DIE FRÜHJAHR-AUSSTELLUNG DER WIENER SEZESSION

zu einer ruhigeren Auffassung gelangt sind, ausgenommen. Vor der Arena in Pola, nicht
Außerdem sind die Porträtbüsten Alfred gerade an glücklicher Stelle, hat sein Denk-
Lörcher's (Stuttgart) und Peter Breithut's, mal für Kaiserin Elisabeth einen Platz er-
eine bronzene Statuette des Tirolers Ludwig halten; daran erinnert die Hauptfigur des
Penz sowie die Zinnfigürchen Otto Hof- gegenwärtig ausgestellten Wiener Konkurrenz-
ner's nennenswert. In ein und demselben Projekts, wo sich ein Mann aus dem Volke
Raum vereinigt stehen Richard Tautenhayn in scheuer Huldigung der Entrückten naht. —
(Abb. S. 396) und Alfonso Canciani ein- Wenn nun Josef Engelhart als letzter auf-
ander gegenüber, recht symbolisch, denn rückt, so geschieht dies, weil er hier ebenso
sie bedeuten die Pole skulpturaler Behand- gut wie in die Gilde der Maler eingereiht
lung. Der erstere offenbart in einer zierlich werden kann. Daß er die Grenzen der Künste
schlanken Diana und der bronzenen Porträt- zu wahren versteht, beweist er durch zwei
Statuette ein mondän geschmeidiges Wesen, Frauenbüsten, deren jede, die eine aus sehr
es sind Salonstücke im guten Sinne des Wortes, geschmackvoll behandeltem weißen Marmor,
Anders Canciani, der immer weiter zu herber die andere ein Prunkstück aus Bronze und
Größe fortzuschreiten sucht; freilich ringt er Packfong, die Vorteile des Materials streng
dabei mit der Schwierigkeit, die in welliger bildhauermäßig hervorkehrt.
Stilisierung bevorzugten Formen vor dem Ohne daß, wie es sonst wohl geschah, eine
Verfließen zu bewahren. Vor Jahren schon ausdrückliche Parole ergangen wäre, scheinen
hat er durch den kühnen Wurf eines Dante- dieuntereinemDachesichverbunden fühlenden
Denkmals überrascht, das eher die Ausführung Maler einem stillen Paßwort gefolgt zu sein,
verdient hätte als alle die auf italienischem Man hat hier schon mancherlei Kraftproben
Boden sich erhebenden, auch das beste, das gesehen, die durch ein bestimmtes Programm
in Trient, also in Oesterreich befindliche nicht oder durch eine Stoffwahl, welche die Ein-
seitigkeit der gewohnten Kunst-
übung verhindern sollte, heraus-
gefordert waren. So wurde kühn
das Neuland betreten und erobert;
es sind dabei mitunter Pinsel-
manifeste entstanden,die ungeachtet
ihrer für Schöpfer und Publikum
wichtigen erzieherischen Bedeu-
tung weiterhin doch nur Atelierwert
hatten. Diese Demonstrations-
malerei ist für einmal in den Hinter-
grund — verschwunden, möchte
man sagen, wenn man jetzt die
weise Einschränkung allerorten be-
merkt, die allein das Format der
Gemälde erfahren hat. Sonsthin
herrscht nach wie vor die Freiheit
der Individualität.

Wer auf starke dekorative Wir-
kung ausgeht, wird eine Fläche
umklaftern müssen, auf der Linien
und Farbenkomplexe breite Ent-
faltungfinden können, entsprechend
auch der typischen Bedeutung des
Themas, das, wie bei Hans Tichy,
biblischen Anregungen folgt.Gegen-
stücke werden durch Ernst Stöhr
geboten. Seine im Freilicht geba-
deten weiblichen Akte haben, was
sie an Extension verloren, an In-
tensitätgewonnen. Ein dichterisch
die Landschaft und ihr Ausströmen
Friedrich koenig nach dem Gewitter von Gesundheit erfassenderKünst-

Frühjahr-Ausstellung der Wiener Sezession IßT, verliert er Sich nicht an eine

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