Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

Page: 16
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1924/0030
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ALBRECHT ALTDORFER, DER HL. JOSEPH. ZEICHNUNG

Leben gewonnenen Motive tauchen unvermutet in
traumhaftem Zusammenhang auf, wann und wo
die Vernunft sie nicht erwartet. Altdorfer spricht,
mit den Mitteln seiner Kunst, die harte Tatsäch-
lichkeit umschleiernd.

Das Wunder kann niemand untersuchen oder
prüfen, weil es nicht dauernd in fester Form den

Sinnen standhält. Es ist nicht da, sondern es er-
scheint, scheint zu nahen. Das Auge bringt her-
vor, was der Glaube erschaffen hat. Der Gläubige
betet, daß die Gottheit ihm sichtbar werde, und
betet danach am heißesten in der Zeit des Zwei-
fels und der Glaubenskämpfe, da er für sich Be-
stätigung ersehnt und Widerlegung der Ungläubigen
herbeiwünscht. Der kämpfende und aufgestachelte
Glaube zieht das Wunder heran. Was der Fromme
zu schauen begehrt, danach durchspürt sein Auge
den Himmel und die Ferne und bildet aus jedem
Schimmer, jedem Anzeichen das Wunschbild aus.
Die Erscheinung offenbart sich als Gnade, in hoher
Stunde, dem bereiten Blicke. Besonders steigert
die Nacht, die hundertäugige, als ein unerschöpf-
liches Füllhorn den Schöpferdrang der erregten
Gläubigkeit. Wir durchspähen das Dunkel mit
Hoffnung und Schauer, meinen zu erblicken, was
nicht eigentlich sichtbar ist, und ergänzen das Ge-
ahnte aus irgendeinem aufleuchtenden Teil, einem
Farbenflecke.

Zeichnen ist Wissen, Malen — Glauben. Mit
den Mitteln der Malkunst leitet der Meister die
Phantasie des Beschauers und befähigt ihn zu be-
greifen, was die Vernunft nicht mißt und nicht
zählt, was die Einbildungskraft erzeugt hat. Der
Fromme im Mittelalter „wußte" von den gött-
lichen Dingen und bildete sie in fest umschlosse-
nen, taghellen Formen aus. Rembrandt aber griff
zum Helldunkel als zum Ausdrucksmittel religiösen
Gefühls. Zur Zeit der rationalistischen Naturer-
klärung versteckte sich das Überirdische und
bedeckte sich mit der Tarnkappe des Hell-
dunkels.

ALBRECHT ALTDORFER, VENUS. KUPFERSTICH

l6
loading ...