Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

Page: 58
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1924/0072
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
CHRONIK

BERNT GRÖNVOLD f

Im fünfundsechzigsten Lebensjahre ist der Norweger Bernt
Grönvold gestorben, der Deutschland so sehr liebte, daß
er die meiste Zeit bei uns in Berlin wohnte und sogar, wie
ein Deutscher von Geburt, auf Berlin und Deutschland
schalt. Er war Maler gewesen, hatte der Diezschulc ange-
hört und respektabel gemalt. Dann aber gab er es auf,
weil er mehr von der Kunst verstand als für sein Malen
gut war, und wurde Sammler. Er hatte das Glück — man
muß vielmehr sagen: das Talent — in Bozen den ganz
vergessenen Hamburger Maler Wasmann wieder zu ent-
decken. Entdeckungen anderer Art — die beiden Rohden,
Emil Janssen, Hans Beckmann — kamen hinzu, und Grön-
vold konnte den Deutschen ein wesentliches Stück ihrer
eigenen Kunst zurückschenken. Darin war er seinem Lands-
mann Andreas Aubert verwandt, der sein Leben in den
Dienst der Erweckung Caspar David Friedrichs gestellt
hatte. Grönvold war im Grunde seines Wesens ein großer
Menschenfreund. Eine religiöse Natur. Aber er war es
in schrulligen Formen. Er hatte viel von jener schöpfe-
rischen Vernarrtheit, die zum Wesen des einseitigen Samm-
lers und Entdeckers gehört. Zunächst teilte er die ebenfalls
von ihm aufgefundene Selbstbiographie Wasmanns in einer
so teuren Ausgabe mit, daß sie nur einem ganz kleinen
Kreis zugänglich wurde. Auch war es sehr schwierig, von
ihm die Erlaubnis zur Reproduktion seiner Bilder Wasmanns
zu erlangen. Er behandelte Wasmann als seinen eigensten
Besitz und war dann doch enttäuscht, wenn sich nicht alle
Welt für ihn interessierte. Unzufrieden ging er umher,
schalt die Deutschen traditionslos, feilte boshaft witzige
Aussprüche und beschäftigte sich, beschäftigungslos, so sehr
mit dem einen Interesse, daß er daneben kaum ein anderes
noch sah. Im Berliner Kunstleben war er eine bekannte

und höchst charaktervolle Gestalt. Er war eines der immer
seltener werdenden Originale, in der Erscheinung, im Fühlen,
im Denken und in der Art sich zu äußern. Mit einiger
Neugier sieht man nun den Bestimmungen entgegen, die
Grönvold testamentarisch über seine Sammlungen, vor allem
über seine Bilder von Wasmann, Rohden, Leibi, über seine
Zeichnungen von Menzel, Keen usw. getroffen hat. Der
Berliner Nationalgalerie hat er bekanntlich eine große Leih-
gabe weggenommen und sie der Hamburger Kunsthalle
gegeben, weil Curt Glaser in „Kunst und Künstler" eine
die Sammlung charakterisierende Bemerkung (eines anderen)
bei einer Kritik Wasmanns zitiert hatte. Er war, wie alle be-
rufslosen Menschen, die sich künstlich eine Tätigkeit machen,
sehr eigensinnig und sehr schwer zu behandeln; er war in einer
sanften, versöhnlichen Art bissig. Lichtwark merkt von ihm
an: „Es tut ihm wohl, sich gekränkt zu fühlen." Man
möchte ihn jenen geistvollen Konservativen vergleichen,
die es in der Wirklichkeit gar nicht gibt, die Fontane aber
mit großem Behagen oft gezeichnet hat. Der ganze Mann
war eine wandelnde Anekdote. Man könnte sich vorstellen,
daß die Trauergesellschaft, die seinem Sarg folgte, indem
sie von ihm, von seinen Taten und Werken sprach, unver-
sehens in eine heitere Stimmung verfallen ist, daß manches
hübsche kleine Geschichtchen erzählt, und daß sogar leise
gelacht worden ist. In diesem Lachen ist dann aber nicht
Leichtfertigkeit gewesen, sondern nur herzliche Anerkennung,
Achtung und Dankbarkeit. Es ist ein Lachen gewesen, das'
besser ist als eine pathetische, alle Verdienste aufzählende
Grabrede; denn es beweist, daß mit Bernt Grönvold ein,
trotz seiner altvaterischen Tracht, sehr lebendiger Mensch
gestorben ist, daß die Erinnerung an ihn lebendiger macht,
und daß er uns eigentlich gar nicht gestorben ist.

K. Sch.

NEUE BÜCHER

Gustav Schiefler, Max Liebermann. Sein graphi-
sches Werk. Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1923.

Schieflers unentbehrlicher Katalog sieht in der dritten
Auflage anders aus als in der ersten, die 1906, und in der
zweiten, die 1912 erschienen ist. Nicht nur, daß die vielen
seit 1912 erschienenen Arbeiten Liebermanns angefügt, und die
Liste dadurch auf mehr als das Doppelte vergrößert ist, nicht
nur daß die Angaben über dieZustände der schon in den älteren
Auflagen verzeichneten Radierungen berichtigt sind: Licht-
drucknachbildungen aller Radierungen und aller Steindrucke
sind auf eingeschalteten Tafeln beigegeben. Eine erfreu-
liche Neuerung, ohne die es recht mühsam wäre, ein Blatt
— nach der Beschreibung allein — aufzufinden, zumal da
es im „Werke" Liebermanns so viele Darstellungen gibt,

namentlich unter den Selbstporträts, die sich wenig von
einander unterscheiden.

Die Einrichtung des Katalogs erfreut durch Übersichtlich-
keit. Die Blätter sind in der Folge der Entstehung ver-
zeichnet, Radierungen und Steindrucke durcheinander; die
Holzschnitte sind abgetrennt, in einen Anhang verwiesen
und nicht abgebildet. Die essayartige „Einführung" ist der
zweiten Auflage entnommen.

Schieflers Hauptleistung besteht in der sorgfältigen
Registrierung der „Zustände" und Mitteilungen über Aus-
gabe und Erscheinungsweise eines jeden Blattes. Nur ein
Sammler vermochte diesen Subtilitäten so viel ernste Auf-
merksamkeit zu schenken, wie zu der äußerst genauen Kenn-
zeichnung der Probedrucke nötig war. Zumeist sind die


loading ...