Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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MAX PECHSTEIN, WEIBLICHER AKT. FARBIGE ZEICHNUNG

U N S T A U S

STUTTGART

Unter dem Namen Stuttgarter
Sezession hat sich hier eine Gruppe
jüngerer Künstler zusammengeschlos-

sen und während des Oktober in den Räumen des Kunst-
gebäudes ihre erste Ausstellung gezeigt. Die schon sehr
lange obsolet gewordenen Traditionen, das wahllose, qua-
litätsarme Ausstellungswesen des Kunstvereins und des Künst-
lerbundes sind damit endlich einmal durchbrochen worden
und es dokumentiert sich seit langem zum erstenmal wie-
der, nicht bloß vom einzelnen her, sondern aus einer Ge-
meinschaft, ernste Gesinnung und ein künstlerischer Wille.
Dies war auch die Meinung der durchdachten und program-
matischen Eröffnungsrede, in der Heinrich Altherr, der Vor-
sitzende der Sezession, die Abkehr von allem Materialismus,
den Stolz, zu leiden und sich zu opfern, das Streben, den
Ausdruck des tiefsten und innersten Erlebens vergeistigt im
Kunstwerk zu gestalten als die Gesinnung der jungen Künst-
ler unserer Gegenwart verkündigte. Die Ausstellung selber
konnte nichts anderes sein als das Zeichen eines Anfangs
auf dem Wege nach solchen Zielen. Sie war zum mindesten

STELLUNGEN

ein erfreulicher Beweis, daß eine ganze Anzahl ernsthafter
und begabter Menschen, zum Teil noch kaum gekannt,
auch hier um eine geahnte Form sich bemühen.

Um mit der Plastik, als der gebundeneren Kunst, zu be-
ginnen, so bewegt sich Lörcher mit strengem Ernst und
archaischer Schwerheit auf einer Bahn, die etwa durch die
Namen Maillol—Haller—de Fiori bezeichnet ist. Wilhelm
Fehrle (Gmünd), die jüngere, beweglichere Begabung, sehr
sprudelnd, sehr produktiv, spielt mit sinnlicher Lust und
Frische bald zwischen schlanken biegsamen Gestalten eines
zarten gotischen Ideals bald mit Täuschenderer Fülle hin-
über in barocke Kontraposte und wehend geschwungene
Kurven. Seine Sphäre ist ganz das Weib. Seine Hand ist
so leicht, daß die Gefahr des Virtuosen und Gefälligen nicht
ganz ferne liegt. Mehrere Bildnisköpfe waren von erstaun-
licher Formenherrschaft und Reife des Ausdrucks. W. Schäffer
(Heilbronn) zeigt sich als ein Talent, das Gutes verheißt.

Von den Malern sondern als Außenseiter sich ab: Pankok
mit einem sehr eindrucksvollen, farbenfrischen Selbstbildnis,
und Reinhold Nägele, der mit einer Fülle von Radierungen
voll schwäbischer Versponnenheit uud unerschöpflich spielen-
dem krausen Humor in seiner Heimat sich einen Namen

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