Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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NEUE BÜCHER

BODEADRIAEN BROÜWER schreit der grasgrüne
Umschlag eine kürzlich im Euphorion-Verlag erschienene
Monographie über den großen Maler der „flandrischen
Nation" in die Welt. Die Aufforderung des Redakteurs
dieser Zeitschrift, hier mein neues Buch selbst anzuzeigen,
habe ich nach einigem Besinnen angenommen; nicht um
Reklame dafür zu machen — das muß ich dem Inhalt des
Buches überlassen —, aber weil mir dadurch Gelegenheit
geboten wird, offen zu sagen, was es bieten soll und hoffent-
lich bietet.

Vor etwa vierzig Jahren hatte ich eine erste Mono-
graphie über Brouwer verfaßt, die in den „Graphischen
Künsten" erschien und daneben in einem Sonderdruck
veröffentlicht worden ist. Die schmeichelhafte Kritik, daß
damit das letzte Wort über den Meister gesagt worden sei,
habe ich im Laufe der Zeit als wenig berechtigt erkennen
müssen. In der Überzeugung, daß man immer am besten tut,
wenn man selbst an sich Kritik übt, habe ich zuerst den Ver-
such gemacht, jene ältere Monographie umzuarbeiten; da sich
dies aber als zu schwierig erwies, habe ich dieses neue Buch
über Adriaen Brouwer geschrieben, nicht um nun das aller-
letzte Wort über ihn zu sagen, sondern in der zuversichtlichen
Hoffnung, dadurch seine Kenntnis und Wertung weiter ge-
fördert und spätere erfolgreiche Forschungen über ihn vor-
bereitet zu haben. In jener ersten Arbeit hatte ich nach-
zuweisen gesucht, daß Brouwer seiner Herkunft nach ein
Vlame war, seine künstlerische Ausbildung aber zuerst in
Holland, wahrscheinlich — wie die alte Tradition besagt —
in Haarlem unter Frans Hals bekommen habe. Ich hatte
damit die Wiedergabe aller wichtigen, den Künstler betreffen-
den Urkunden und Aussagen alter Biographen verbunden,
die mir damals bekannten Werke, soweit sie mir für ihn
gesichert schienen, einschließlich der Zeichnungen (und der
ihm zugeschriebenen Stiche), zusammengestellt und seine
Schüler und Nachfolger besprochen. In dem vorliegenden
Buch, das im übrigen ein ganz neues Werk ist, habe ich in
bezug auf die Urkunden und auf den Einfluß des Meisters
auf die ältere Arbeit verweisen können. Für das Werk des
Meisters konnte ich auf Hofstede de Groots inzwischen er-
schienenes ausführliches Verzeichnis aller in älteren Katalogen
dem Brouwer zugeschriebenen Gemälde in seinem „neuen
Smith" bezug nehmen. Demgegenüber will die neue Arbeit
den bestimmten Nachweis führen, daß der Künstler in der
Tat in Haarlem, und zwar bei Frans Hals seine künstlerische
Erziehung gefunden hat; sie sucht dann an der Hand seiner
Werke, soweit sie anerkannt werden dürfen, die Entwick-
lung des Künstlers und seine Bedeutung ausführlicher dar-
zulegen. Namentlich glaube ich durch eine Anzahl bisher
unbekannter Jugendwerke nachgewiesen zu haben, daß
Brouwer darin die Motive und selbst die Modelle, zum
Teil auch die geistreiche Behandlung dem Frans Hals ab-
gesehen, also zweifellos in seiner Werkstatt gelernt hat. Dann
habe ich seine Bedeutung als Landschaftsmaler, als welcher
er so gut wie gar nicht bekannt war und doch kaum sei-
nesgleichen hatte, an seinen landschaftlichen Gemälden, die

ich um eine Anzahl vermehren konnte, eingehend zu wür-
digen und schließlich den Wechsel in seiner Auffassung und
Behandlung in seinen in Antwerpen, namentlich in den
letzten Jahren entstandenen Gemälden klarzulegen gesucht.
Ich habe dabei besonders betont, wie Brouwer neben dem
Humor in der Situation und Charakteristik von vornherein
auf koloristische Wirkung und malerische Behandlung aus-
geht und dies seit seinen ersten Jugendwerken bis zu seinem
allzu frühen Tode — waren ihm doch nur etwa dreizehn
Jahre zum Schaffen vergönnt! — in der mannigfachsten
und feinsten Weise zu erreichen gewußt hat, wie kein anderer
Kleinmeister der niederländischen Schulen; wie er aber
auch, was viel zu sehr übersehen ist, in seinen Landschaften
ein so poetisches Erfassen der verschiedenartigsten Stim-
mungen in der Natur bekundet wie kaum einer der reinen
Landschaftsmaler seiner Zeit, und dadurch gleichzeitig in
den figürlichen Darstellungen seiner letzten Jahre zu einer
mehr innerlichen, gemütvolleren Auffassung geführt wurde.
Wenn es mir gelungen sein sollte, diese verschiedenen Ge-
sichtspunkte an den fast ausnahmslos abgebildeten Werken
des Meisters klar zu machen, so ist der Hauptzweck des
Buches erfüllt.

Was die äußere Ausstattung des Buches betrifft, so ist sie
moderner ausgefallen als ich wünschte und für eine Arbeit
über Adriaen Brouwer für richtig hielt. In meinen alt-
modischen Ansichten bin ich aber das Opfer des modernen
Verlages geworden, der seinen Willen in der engen, block-
artigen Stellung der Wörter, wo oft eine ganze Zeile wie
ein einziges Wort erscheint, durchzusetzen gewußt hat. Das
lasse ich mir schließlich gefallen, aber mit dem krassen,
„hochmodernen" Grün des Umschlages der Bände mit Per-
gamentrücken und mit dem brutalen Titel in kolossalen Ka-
pitälen hat er mich doch recht unangenehm überrascht.
Sehr erfreulich ist dagegen die ganz ungewöhnliche Sauber-
keit im Satz, in der — soviel ich sehe — nicht ein „Spieß"
oder eine sonstige Unsauberkeit zu entdecken ist, dank zu-
gleich der Druckerei von Wohlfeld und der Klischieranstalt
von Albert Frisch. Und ebenso sehr bin ich einverstanden
mit dem niedrigen Preis (von 20 GM. gebunden) trotz der
Ausstattung mit 130 fast zur Hälfte ganzseitigen Abbild-
ungen.

Ein Wort zum Schluß als Beweis, mit welchem
Eifer jetzt von sehen der Kunsthändler den Werken
Brouwers nachgespürt wird. Dem jungen Bilderhändler
Jaes Goudstikker in Amsterdam, der in neuester Zeit
um die Entdeckung vergessener und verkannter Gemälde
Brouwers das größte Verdienst hat, hatte ich es zur
Pflicht gemacht, das früheste mir bekannte Bild des
Meisters, die Straßenszene mit der bekannten Figur des
F. Halsschen Rommelpotspielers, dessen Besitzer seit lange
unbekannt war, wieder zu entdecken. Er telegraphiert
mir soeben aus Paris, daß er den Rommelpotspieler
wieder aufgefunden habe. Das Bild scheint sich dem-
nach jetzt im Privatbesitz in Paris zu befinden.

Bode.

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