Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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NEUE BUCHER

BESPROCHEN VON KARL SCHEEFLER

Manches hat sich im Laufe der Monate wieder angesam-
melt, das wenigstens kurz angezeigt sein will. Zur
Ausführlichkeit fehlt ja leider, auch hier, der Raum; und
dem Leser fehlt die Muße. Die Zeiten sind dahin, wo sich
einem Geschichtsschreiber wie Macaulay die Kritik eines
Buches zu einem seiner wertvollsten historischen Essays aus-
wuchs. In dem Maße wie die Bücherproduktion zur Fabrika-
tion wird, begegnen sich Autoren und Leser in einer gewissen
Oberflächlichkeit. Der Nationalökonom mag entscheiden, wer
von beiden mehr „Schuld" hat, oder wo die Ursache sonst
liegt. Ausgemacht ist es, daß der Rezensent der Produktion
nicht mehr folgen kann, und daß der Leser lange Abhandlungen
von ihm garnicht will; obwohl Bücher, gute und schlechte,
sehr oft Anlaß zu grundsätzlichen Untersuchungen geben
könnten, obwohl es den Rezensenten in den Fingern juckt,
diese Untersuchungen anzustellen, muß er sich begnügen,
das Wichtigste nur eben zu registrieren.

i. Bücher zur Kunstgeschichte.
Diese Reihe sei eröffnet mit dem dritten und letzten
Band der Entwicklungsgeschichte der modernen
Kunst von Julius Meier-Graefe (im Verlag R. Pipers Co.,
München). Aus zwei Ursachen soll dieses Buch zuerst be-
sprochen werden': zum ersten, weil Meier-Graefe der mo-
dernen Kunstliteratur viel bedeutet, weil er ein Schriftsteller
von einem erstaunlich vitalen Talent ist und eine merk-
würdige Persönlichkeit; zum zweiten, weil die Beurteilung
seiner Entwicklungsgeschichte eine wahrhaft peinliche Auf-
gabe ist. Der Schriftsteller Meier-Graefe hat bewunderungs-
würdige Eigenschaften, aber er hat auch Züge, die alles,
was man zum Lobe sagen kann, aufzuheben scheinen. Die
zweite umgearbeitete und ergänzte Auflage der Entwick-
lungsgeschichte soll eine Verbesserung sein (siehe das Vor-
wort); sie ist aber eine Verschlechterung. Es ist gewiß
nichts kleines, ein Jahrhundert der Kunst im Geiste so durch-
lebt zu haben, es so schwungvoll darzustellen, daß die
siebenhundert Textseiten klingen wie ein einziger Satz, und
rückschauend darzustellen, was einst selbst mit entdeckt
und zuerst gewertet worden ist. Leider fehlen Meier-Graefe
die Fähigkeiten überlegenen Ordnens, er ist kein architek-
tonisch denkender Geist. Er weiß viel, kennt alles, empfindet
stark und schön und sagt vortreffliche Worte; dem Ganzen
seines Werkes aber fehlt das Gerüst. Er kann nicht Geschichte
schreiben. Der Anreger, der Verliebte kann nicht Historiker
sein. Dazu fehlt noch mehr als Dispositionskraft: das Pathos
ist da, nicht aber das Ethos. Es fehlt die große Objektivität
des Historikers, die dem, was wir Wahrheit nennen, alles
opfert — Freundschaft und Erfolg. Meier-Graefe, dessen
Temperament dem der Künstler nahe verwandt ist, gleicht
in einem wichtigen Punkte nicht seinen Märtyrerhelden.
Was soll man sagen, wenn man in der Reihe: Ingres,
Chasseriau, Puvis, Renoir, Bonnard, Maillol und Cezanne,
denen Kapitel gewidmet sind, nicht nur Lehmbruck findet,
sondern auch Klossowski mit eigenen Kapiteln! Klossowski,

der bewiesen hat, daß er ein Kunstschriftsteller von Rang
ist, dessen Malversuchen man mit aufrichtiger Achtung zu-
sieht, der in eine Geschichte der modernen Kunst aber mit
keinem Wort hineingehört. In der Disposition kommt die
Unfähigkeit, überzeugend zu gruppieren, zum Ausdruck; in
Wertungen dieser Art offenbart sich Mangel an Verantwort-
lichkeitsgefühl. Es ist derselbe Leichtsinn, der im Stil ist.
Meier-Graefe kann glänzende Worte bilden. Zuweilen ge-
lingt ihm ein Satz, der wie ein Blinkfeuer ist, den schönsten
Instinkt für das Richtige verrät und in knapper Form Er-
schöpfendes sagt. Daneben stehen, inmitten langer toter
Strecken, Sätze, die von Wippchen gedichtet sein könnten.
Hier ein paar Beispiele: „Die engeren Davidschüler sind
alle Schwimmer in Öl, die aus der fiktiven Schicht über
dem eigentlichen Element Realitäten zu gewinnen suchen."
(Band 1, Seite 135 ) „Da" wo Davids Archäologie saß, hatte
Goya einen Malpinsel stecken, der sich des Abends, wenn
es nottat, in ein gutes Messer verwandelte." (Band I,
Seite 95.) Solche Sätze der „verbesserten" Auflage sind
nicht weniger drollig als dieser Satz der ersten Auflage:
„Puvis ist tot, Degas ein alter Mann; aber die Medizin,
die diesen beiden äußersten Polen dieselbe Hand reichte,
lebt noch unerschöpft." (Band I, Seite 69.) So entgleist
Meier-Graefe oft. Zuweilen entgleist er zur unfreiwilligen
Komik, zuweilen aber auch zu einer gewissen Genialität.
Zwischen „diesen beiden äußersten Polen" aber herrscht
eine höchst begabte und amüsante Planlosigkeit. Auch dieser
Autor ist das, worüber er so viel lamentiert, wenn es
sich um Maler handelt: ein deutscher Fall. Ein schön be-
wegtes, aber undisziplinierten Impulsen folgendes Talent.
Mangel an künstlerischem Charakter: das ist, leider, so sehr
deutsch. Der dritte Band dieser Entwicklungsgeschichte
schließt ein Werk ab, das merkwürdig bleiben wird und
das reich an Anregungen ist, in dem man aber nicht an-
haltend lesen kann, ohne wirr zu werden. Diese große
Arbeit erscheint ebenso charaktervoll wie unzuverlässig,
ebenso gewissenhaft wie verantwortungslos; sie ist das
Werk eines feurigen Bekenners und eines Leichtsinnigen.

EmilWaldmann, der Übersetzer des Duretschen Manet-
Buches, hat selbst ein Buch über Ed o uardManet geschrieben
(bei Paul Cassirer, Berlin) und hat darin seine Vorzüge
sauberer Genauigkeit, verstehender Liebe für den Gegen-
stand und leichter gefälliger Schreibweise glänzen lassen.
Wie er den Künstler dargestellt und wie der Verlag das
Buch herausgebracht hat, ist es ein fast elegantes Manet-
Buch geworden. Es wird stark betont, was im Malgenie
des Parisers anmutig war. Die Arbeit ist gut. Doch darf
man sich nicht verhehlen, daß eigentlich nur ein Maler
erschöpfend über Manet schreiben könnte. Aus dem Hand-
werk heraus, denn Manet ist nur vom Handwerk, vom
Wissen um den Arbeitsprozeß aus zu verstehen. Wie Frans
Hals. Diese Art Malerei verträgt in der Beurteilung nicht
die Spur Literatur. Auf das Buch über Manet werden wir
darum wohl verzichten müssen. Denn schreibende Maler

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