Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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CORINTH ALS GRAPHIKER

VON

ALFRED KUHN

Corinths Radierungen gehen bis in das Jahr 1891 zurück. Aus
diesem Jahr stammt ein 14:13 cm großes L.C. monogrammiertes
und nur in wenigen Exemplaren vorhandenes Blättchen mit teilweise stark
karikierten Köpfen. Es ist ungeschickt in der Mache und dürfte eines der
ersten Experimente in dieser Technik darstellen. Nicht viel weiter
führt im nächsten Jahre „Das Mädchen im Korsett", auch etwas unbe-
herrscht und oberflächlich im Strich und bei aller Schwärze der
Ätzung in den Augenhöhlen, im Mund und im Hintergrund, doch ohne
angenehme Kontrastwirkung. Neues bringt der Halbakt auf dem Stuhl,
ebenfalls von 1891. Es ist die erste Kaltnadel-Radierung des Künstlers.
Sie wird zum Mittel eines intensiveren Formenstudiums. Der helle
Körper ist liebevoll von dem nun mit guter Beherrschung der Mittel
schraffierten Hintergrund abgetrennt, die Brüste sind sorgfältig mo-
delliert, die pikanten Formen des Gesichtes reizvoll behandelt. Man
sieht, daß die Technik keine wesentlichen Schwierigkeiten mehr bietet.
Dies beweist auch ein nach rechts gewandter weiblicher Akt auf einem
Stuhl von 1893, bei dessen Wiedergabe die Roulette angewandt ist.
Dadurch wird der Eindruck des Zarten, Duftigen hervorgerufen, sehr
verschieden von dem etwas rohen Gefüge des voraufgegangenen Blattes.

Um dieselbe Zeit entsteht die „Walpurgisnacht" (bezeichnet L.C. 1893)
und das „Verlorene Paradies" (bezeichnet L. C. 1893). Auf dem ersten
Blatte sieht man vier weibliche Gestalten um den bewölkten Mond
schweben, auf dem letzten einen Teufel, einen nackten Mann und ein
junges Weib in die Tiefe stürzen. Das Auge Gottes, ein ausgestreckter

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