Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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ÜBER DIE LONDONER NATIONAL GALLERY BEI
GELEGENHEIT IHRES JUBILÄUMS

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

Zum Jubiläum der National Gallery bin ich nach London
gefahren und habe das stolze Museum besichtigt, erregt
und ein wenig beschämt in Gedanken an die heimischen Ver-
hältnisse. In vergangenen Tagen bin ich oft drüben gewesen,
in regelmäßigen Abständen; gestuft steht mir das organische
Gedeihen der Sammlung in der Erinnerung.

Durch einige Jahrzehnte, zwischen 1871 und 1914, konnte
Berlin leidlich Schritt halten. Zwar die Umstände waren
ungünstiger bei uns. Wir konnten nicht so leicht und
unmittelbar aus reichem Privatbesitze schöpfen, aber die
Nachteile wurden einigermaßen ausgeglichen durch Bodes
unvergleichliche Aktivität. Gegenwärtig, durch die wirt-
schaftlichen Nöte gehemmt, sind wir nicht imstande, den
gewaltigen Vorsprung einzuholen, der dem Londoner Mu-
seum durch die Zugänge des letzten Jahrzehnts geglückt
ist. Abgesehen von den teilweise sehr bedeutenden Er-
werbungen einzelner Bilder, sind ganze Sammlungen der
Galerie eingefügt worden, wie die Salting- Sammlung,
bald nach dem Kriege die Layardschen Bestände, endlich
Dr. Monds Besitz, von dem freilich nur Proben gelegent-
lich der Hundertjahrfeier gezeigt wurden, der aber in Kürze
vollständig am Trafalgar Square einziehen wird.

Durch diese Vermächtnisse, Ankäufe und Zuwendungen
ist namentlich die italienische Kunst des fünfzehnten Jahr-
hunderts, die schon früher breit und vollständiger als ir-
gendwo vertreten war, üppig bereichert worden. Auch
die Altniederländer haben beträchtlich gewonnen durch
die Gabe Saltings und durch sonstige Erwerbungen. Das
schönste Porträt von Lucas van Leyden, das einzige erhal-
tene auf Leinwand mit Wasserfarbe gemalte Bild von Quentin
Massys, eine Madonna mit zwei weiblichen Heiligen, Gerard
Davids Jugendwerk, die leider nicht tadellos erhaltene Kreuz-
nagelung aus der Layard-Sammlung, Pieter Bruegels Anbe-
tung der Könige sind hinzugekommen.

Die Galerie ist durch den gegenwärtigen Direktor Sir
Charles Holmes völlig umgeordnet und neu aufgestellt
worden. Viele Stücke von geringerer Bedeutung sind aus-
geschieden und in bequeme, leicht zugängliche Depots unter-
gebracht. In lockerer Reihung sind fast alle Bilder in
Augenhöhe gut sichtbar. Manche sind sogar allzu tief ge-
hängt. Die Durchschnittsqualität ist gesteigert, die Wir-
kung des Ganzen überwältigend. ■

Man steigt einige Stufen empor und ist sofort bei der
Sache, wird von den Werken der alten Meister begrüßt und
in Anspruch genommen, nicht, wie bei uns, durch den hohlen

Pathos moderner Baukunst und pomphafte Dekoration ge-
ärgert. Auch verbraucht man drüben seine Kraft nicht durch
Treppensteigen. Die Oberlichtsäle reihen sich unendlich an-
einander auf ein und derselben Höhe. Nicht Stimmungs-
mache, nicht Stilfexerei zieht uns von den Meisterwerken ab.

Wir durchschreiten die Räume und finden überall die Tafel-
malerei in ihren höchsten Leistungen von den ägyptischen
Mumienbildnissen bis zu Manet. Am wenigsten geändert ha-
ben sich die Säle mit den englischen Gemälden und den nieder-
ländischen Bildern des siebzehnten Jahrhunderts Einige
Holländer, wie Hobbema, Cuyp, Pieter de Hoogh, wirken
hier wie früher mit einer Kraft wie nirgends sonst, Rubens
aber und Rembrandt heben sich nicht so heraus, wie sie
sich in Paris, Petersburg oder Berlin herausheben. Ein
Mangel, teilweise durch den Bestand, teilweise durch die
Anordnung verschuldet. Die deutsche Kunst würdig zu re-
präsentieren, ist nicht gelungen. Dies ist die einzige Lücke,
die nie ausgefüllt werden wird.

Uber den Zustand der Bilder ist schwer zu urteilen.
Abgesehen davon, daß die Lichtverhältnisse in London zu-
meist ungünstig sind, legt die Verglasung, die nach einge-
wurzeltem Vorurteil als für die Erhaltung der Gemälde
unumgänglich betrachtet wird, einen Schleier über alles,
und einen zweiten Schleier bildet der trübe Firniß, der einen
gleichartigen Ton über die nach Zeit, Ort und persönlicher
Art voneinander so verschiedenen Werke legt. Im Grunde
aber sind die Bilder sehr gut erhalten, besser als anderswo.
„Restauratoren" haben hier nicht gesündigt. Man ist in
bezug auf die Pflege der Gemälde zurückhaltend und kon-
servativ. Neuerlich hat man begonnen einige Stücke zu
„putzen", und die gereinigten heben sich etwas schroff ab
von dem müden und eintönigen Gesamtton, der im ganzen
vorherrscht.

Die Londoner National Gallery ist im gegenwärtigen
Zustande die höchste Leistung, die dem staatlichen Kunst-
sammeln gelungen ist. Hundert Jahr systematischer Arbeit
unter den günstigsten wirtschaftlichen Bedingungen: damit
war schon etwas zu erreichen. Der britische Kunstfreund,
der die allmähliche Auflösung des stolzen Privatbesitzes
beobachtet und immer wieder erschreckt wird durch Nach-
richten über Verkäufe nach Amerika, darf sich damit
trösten, daß ein beträchtlicher Teil dessen, was britische
Sammelpassion aus aller Welt zusammengezogen hatte, in
diesem Museum der Nation erhalten und allen zugänglich
geworden ist.

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