Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER AKADEMIE DER KÜNSTE

I

REDE ZUR ERÖFFNUNG

VON

MAX LIEBERMANN

Ohne ruhmredig zu sein, darf ich wohl behaup-
ten, daß sich die von der Akademie veran-
stalteten Ausstellungen wenn auch langsam doch
stetig dem Ziele nähern: eine Übersicht über die
zeitgenössische Produktion, wenigstens unseres
engeren Vaterlandes, zu geben. Von Jahr zu Jahr
wird die Mitwirkung von sehen unserer Kollegen
reger — nicht nur die eingeladenen Künstler sind
unserem Rufe gefolgt, sondern auch die freien
Einsendungen sind sowohl ihrer Zahl wie ihrer
Qualität nach bedeutend gestiegen. Aus diesem
erfreulichen Faktum darf die Akademie den Schluß
ziehen, daß sie auf dem Wege ist, das verloren-
gegangene Vertrauen wiederzugewinnen; das Ver-
trauen der Künstlerschaft ist uns der wertvollste
Besitz, ohne den wir nicht imstande wären, unsere
Aufgabe zu lösen.

Je größer aber das Vertrauen in uns ist, desto
größer und verantwortungsvoller ist die Aufgabe
der Ausstellungskommission, die zugleich die Auf-
nahmejury bildet. Sie ist vor eine schlechthin un-
lösbare Aufgabe gestellt: sie soll ein objektives
Urteil fällen, wo nur die Empfindung entscheidet.
Sie kann sich auf kein Gesetzbuch berufen wie
der staatlich angestellte Richter, nicht einmal auf
einen Präzedenzfall, denn jedes Kunstwerk ist ein
einmaliges, originales Werk. „Bei der Anarchie,
welche noch immer in der poetischen Kritik herrscht
und bei dem gänzlichen Mangel objektiver Ge-
schmacksgesetze befindet sich der Kunstrichter
immer in großer Verlegenheit, wenn er seine Be-
hauptung durch Gründe unterstützen will." Diese
Worte, welche Schiller vor 120 Jahren schrieb,
sind noch heute auch für die bildende Kunst zu-

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