Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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MAX SLEVOGT, BILDNIS EINES ALTEN HERRN. 1895

AUSGESTELLT IN DER GALERIE NICOLAI, BERLIN

UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLIN
Bei Carl Nicolai in der Victoria-
straße sind gegenwärtig zwei Bildnisse
von Slevogt ausgestellt, die sich in einer
lehrreichen Weise ergänzen, die nicht besser hätten gewählt
werden können, wenn die Absicht vorläge, zwei Malperioden
Slevogts zu veranschaulichen. Das Bildnis des alten Herrn
ist 1895 in München gemalt. Es ist, innerhalb einer groß-
zügigen, das Detail unterordnenden Auffassung, genau durch-
geführt. Die Natur ist respektvoll behandelt. Auf die Dar-
stellung der Hände zum Beispiel ist viel Geist und Sorg-
falt verwandt worden. Slevogt bewegt sich hier in seiner
Periode der geschlossenen Form; soweit sein malerisch

lockerer Vortrag es überhaupt zuläßt, ist die Darstellung
modellierend, zeichnend, zusammenfassend. In dem zwölf
Jahre später in Berlin gemalten Bildnis des Architekten Roll
hat sich die Form Slevogts geöffnet. Die Malerei ist mehr
handschriftlich, es ist nicht mehr versucht den ganzen Men-
schen zu geben, sondern den Eindruck eines bestimmten
Augenblickes. Der Ausdruck ist momentaner, sprechender,
es ist das Naturell des Dargestellten wie mit einem Schlag-
wort gegeben. Die Arbeitsweise ist eiliger, nervöser, geist-
reicher; mehr dichterisch, wenn man will. Der Vortrag ist
schnell, sicher und glänzend. Das Bildnis von 1895 tritt,
je länger man es ansieht, um so mehr in den Rahmen zu-
rück, es ordnet sich anderen Erscheinungen ein; das Bildnis
von 1907 scheint aus dem Rahmen hervorzukommen, es

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