Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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EINE JAPANISCHE KUNSTVERSTEIGERUNG

VON

WILLIAM COHN

T Tor einiger Zeit gelangte der Kunstbesitz der Familie

V Hayakawa in Tokio zur Versteigerung. Der Katalog
(mit leider nur wenigen Preisangaben) erreichte Deutschland
fast gleichzeitig mit der Nachricht von der furchtbaren Erd-
bebenkatastrophe. Wie viele Stücke, die damals erworben
wurden, werden vernichtet sein! Der Anteil des Privatbe-
sitzes an Malereien und Geräten aus alter Zeit ist in Japan
größer als in Europa. Und die meisten Privatsammlungen
befinden sich in Tokio. Werden die Kuras, die bis zu einem ge-
wissen Grade feuer- und erdbebensicheren Speicher zur Auf-
bewahrung der Familienkostbarkeiten standgehalten haben?
In Kyoto und Nara sind es dagegen die alten Tempel, die
sich der wertvollsten Kunstschätze rühmen dürfen. Um die
Kunstwerke zu schützen, hat man sie zum größten Teil in
scheußlichen Museen vereinigt,
die in Japan ebenfalls nur bes-
sere Speicher und im Gegen-
satz zu Europa ohne nennens-
werten Eigenbesitz sind.

Es wird bei uns immer
wieder vergessen, daß das ferne
Inselreich seine heimischen und
die chinesischen Kunstwerke
ebenso hoch einschätzt und
bezahlt, wie wir die unsrigen.
Nur eine recht kurze Unter-
brechung gab es, die zu Japans
Glück die Europäer und Ame-
rikaner nicht auszunützen wuß-
ten. Heute und seit mindestens
zwei Jahrzehnten ist es nur
unter Aufbietung größter Mittel
möglich, aus Japan ein Stück
von wirklichem Kunstwert zu
erwerben. Und die Preise stei-
gen, wie gerade die Versteige-
rung Hayakawa wieder beweist,
von Jahr zu Jahr. Die Samm-
lung wird ziemlich jungen Da-
tums sein. Das zeigt die Her-
kunft ihrer besten Stücke. Sie
ist typisch für den Kunstbesitz
des neueren reich gewordenen
Bürgertums: bei weitem das
meiste mäßige Schularbeiten;
auch manche Fälschung. Viele
tüchtige neuere Bilder und
einige wenige Daimeibutsu
(große berühmte Kostbarkei-
ten), die als solche allgemein

anerkannt und daher auch in

den prächtigen japanischen

Kunstpublikationen (Kokkwa,

LANDSCHAFT MIT GOSPIELENDEN EREMITEN VON OKYO

Shimbi Taikwan, Gumpö Seigwan) reproduziert sind.
Dem entsprechen die erzielten Preise, zwischen denen
ein riesiger Abgrund klafft. Steigen die Gebote für wirk-
lich Erstrangiges oder sicher Bezeugtes ins Ungemessene,
so liegen sie für alles andere recht niedrig. Auffallend ist
für uns, die wir durchaus nur die strengen Werke der ältesten
Zeit besitzen wollen und alles Chinesische dem Japanischen
vorziehen, daß japanische Arbeiten neurer und neuester Zeit
überraschend hohe Preise erzielen und dies, obwohl Japans
Begeisterung für das Altertum und für China, dem aner-
kannten Mutterlandc seiner Kultur, keineswegs geringer ist
als die unsrige. Man ist unbefangener als wir und nimmt
das Gute, wo man es findet.

Es ist kein alltäglicher Vorgang, daß ein sicheres Werk
von Sesshü(i420—1506), dem
größten japanischen Tuschmei-
ster, ja wohl der bedeutend-
sten faßbaren Künstlerpersön-
lichkeit des Landes, auf den
Markt kommt. Für die nur
etwa 100 x30 cm große Tusch-
landschaft auf Seide (Abb. 2)
wurden 145900 Yen* erlegt.
Eine Reihe äußerer Umstände,
die für den Japaner immer von
großer Bedeutung sind, trugen
zu dieser hohen Bewertung bei:
das Bild weist eine Anzahl
alter besonders schöner beglau-
bigter Inschriften auf, die im
fernen Osten ebensoviel gelten,
wie die Darstellung selbst. Es
existiert eine Kopie von Shu-
getsu, einem Schüler und Zeit-
genossen Sesshüs, schließlich
stammt das Stück aus der treff-
lichen im Jahre 1908 verstei-
gerten Sammlung des Viscount
Hori. Damals brachte es 8200
Yen. Eine etwa achtzehnfache
Wertsteigerung. Dieses schöne
Werk wäre beinahe in die ost-
asiatische Kunstabteilung der
Berliner Museen gelangt. Ihr
Leiter weilte gerade in Japan
und bot dafür 8100 Yen. Und
bot nicht mehr? wird man fra-
gen! Er hätte es zweifellos
getan, wenn nicht die japanische
Versteigerung geheim wäre.
Es gibt keinen Wettbewerb.
Man steckt ein Zettelchen mit
* 1 Yen = etwa '/s Dollar.

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