Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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VON

MAX SLEVOGT

Bruno Cassirer war der erste, der sogleich, vielleicht nicht ohne Besorgnis, aber
mit Bewußtsein es wagte, von der klar festgelegten Form des geforderten
guten illustrierten Buches abzuweichen, um einer grundsätzlich anderen Gattung
öffentlich Raum zu geben. Das elegante, kapriziöse französische, vor allem das
stilvolle englische Buch war (und ist noch heute) die unbestrittene reinliche Lö-
sung für den Buchliebhaber der europäischen Gesellschaft Noch ein Buch wie
Menzels Geschichte Friedrichs des Großen, auf das wir uns als ein deutsches
Werk mit Stolz berufen können, war vom Verlage, auch vom Künstler als eine
völlige Nachbildung desVernetschen Napoleon gedacht und gewünscht. Die Unter-
schiede sind einzig innerer Natur, und daß der Deutsche die Vorlage tief unter
sich ließ, liegt an der fabelhaften Begabung Menzels und seiner unglaublichen
Disziplinierung. Ich unterschätze übrigens die Leistung Vernets durchaus nicht
und glaube sehr wohl zu fühlen, wie nicht nur die äußere Form, sondern gerade
auch die geistige Gestaltung — geistreiche Einfälle mancher Art bei den Initialen
und dergleichen — den jungen Menzel stark beeinflußte und manches über-
raschend Originelle dem „schlechteren" Manne gutzuschreiben wäre.

Es galt nun mit dem oben genannten Schritte nicht, die Bücherfreunde zu
beunruhigen, deren an Geschmack geschultes Verständnis fest an den anerkannten
Meisterprodukten einer Buchkultur hängt — sie sind so wenig zu bekehren wie
der wahre Christ —, es galt nur, ein neues Ziel aufzustellen und gewissen
Eigenschaften der Zeichnung den vorherrschenden Platz zu geben: persönlichster
Gestaltung und eigenwilliger Ungebundenheit. War es das Ideal unserer Ge-
sellschaft, die Vollendung in einer, auch handwerklich vollkommen sich aus-
gleichenden Ruhe zu sehen, so ließ sich diesem die Idee des nie sich Vollendenden
gegenüberstellen — eine andere Wesensart —: dem antiken Tempel die gotische
Kathedrale!

Es mußte der Zeichner vor allem aus dem Prokrustesbette des Buches befreit
werden.

Mit Illustration verband man von Anfang den Begriff einer untergeordneten
Gattung: sie dient, heißt es etwa, den Text zu veranschaulichen oder dem Druck-
werk ein stattliches Aussehen zu geben.

Manche halten infolgedessen den Illustrator nicht für eigentlich schöpferisch.
Vermutlich ist es dann derVertoner eines Textes, der Liederkomponist auch nicht II

Richtig ist, daß geringere Begabungen und Leistungen ausreichen, ein hüb-
sches Buch zustande zu bringen. Wir haben in unserer Jugend manch solches
in der Hand gehabt, und in einer gemütlicheren Zeit wäre es ein Verdienst, solcher
braver Männer Gedächtnis aufzufrischen und ihnen in einer harmlosen Kunst-
geschichte des deutschen illustrierten Buches einen Ehrenstein aufzurichten.

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