Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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JACOB VAN RUISDAEL (?), ABENDLANDSCHAFT

GEMÄLDEGALERIE DER AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE, WIEN

DIE GEMÄLDEGALERIE DER AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE IN WIEN

VON

KARL SCHEFFLER

In seinem Aufsatz über „Wien und Prag" in diesen Blättern
(Jahrg. XXI, Seite 290) hat Emil Utitz dargelegt, daß das
Kunstinteresse in Wien vor allem der alten Kunst gehört.
Ein Vortragsbesuch zu Beginn dieses Jahres gab Gelegenheit
dieses Urteil nachzuprüfen und es in jeder Weise bestätigt
zu finden. Wiener Kunstfreunde sind zu großen Teilen
zwar der Meinung, daß die moderne österreichische Kunst
von Norddeutschen und vor allem in Berlin nicht genügend
geschätzt würde; die Berechtigung dieser Klage wird durch
den Augenschein aber nicht gestützt. Es ist nicht zufällig,
daß fast alle österreichischen Maler und Bildhauer der letzten
Jahrzehnte etwas Kunstgewerbliches in ihrem Talent haben
und sich mit der Produktion der Wiener Werkstätten
mittelbar oder unmittelbar berühren, daß Kunsthändler mit
modernen Bildern Einfluß nicht zu gewinnen vermögen
wie immer sie sich auch für lokale Begabungen wie
Feistauer, Schiele oder Kolig, für die vielgenannten Künst-

ler aus Frankreich und Deutschland einsetzten, und daß es,
neben unendlich vielen Sammlungen alter Kunst, in Wien
eigentlich nur ein einziges Haus gibt, wo moderne Kunst
im großen Stil gesammelt worden ist. Die Wiener selbst
interessieren sich nicht tatkräftig für ihre lebenden Talente.
Um so mehr interessieren sie sich für ihre alte Kunst, für
ihre Stadt, die eines der schönsten Architekturmuseen der
Welt ist, und für ihre öffentlichen Galerien alter Kunst.
In der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums wird
eifrig an einer Neuordnung gearbeitet. Darüber wird nach
der Vollendung zu sprechen sein. Über das neue Barock-
museum, die Schöpfung des vortrefflichen F. M. Haberditzl,
hat der um das Wiener Kunstleben, um die Erhaltung der
Museumsbestände und um die Organisation des gesamten
Museumswesens sehr verdiente Hans Tietze hier neulich
geschrieben (Jahrgang XXII, Heft 4). Heute soll in Kürze
berichtet werden über die durchgreifende Neuordnung der

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