Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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NEUE BUCHER

Erich Wiese, Schlesische Plastik vom Beginn des
14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Mit 66 Bildtafeln.
Leipzig, Klinkhardt & Biermann, 1923.

Ein Buch, dessen sich zünftige und unzünftige Kunst-
freunde ohne Vorbehalt freuen dürfen. Das schöne Material
an deutscher Plastik, das hier auf ausgezeichneten Tafeln
gezeigt wird, ist mit wenigen Ausnahmen der Kunstgeschichte
neu gewonnen. Es wirkt nicht einförmig, und nicht im
engen Sinn provinziell, obwohl es nur die Zeit von etwa
1330—1430 umspannt, weil der Verfasser mit kritischem
Sinn das Gute ausgewählt und dieses Gute trefflich ab-
gebildet hat. Für seine eigenen Aufnahmen, besonders die
der entzückenden Steinmadonna des Breslauer Kunstgewerbe-
Museums, eines Hauptwerks deutscher Kunst, darf man ihm
besonders dankbar sein. Der Text bietet neben einer ge-
nauen Beschreibung auch der nicht abgebildeten Stücke eine
ausgezeichnete Übersicht und eine kritische Wertung des
Bestandes, die gerade darum fruchtbare Erkenntnisse ver-
mittelt, weil sie nirgends die Lücken unseres Wissens ver-
deckt und die Verbindungslinien innerhalb und außerhalb
Schlesiens mit größter Vorsicht zieht. Die enge Verbindung
mit Böhmen, besonders unter der Herrschaft Kaiser Karls IV.
(1346—78), hat dem Land mit den wirtschaftlichen und poli-
tischen Fortschritten auch eine Blütezeit der künstlerischen
Produktion beschert, deren Zeugen heute nicht mehr zahl-
reich, aber den besten gleichzeitigen Werken im Süden
und Westen des Reichs ebenbürtig sind. Ebenso deutlich
wird die Ausstrahlung schlesischer Kunst nach Norden bis
ins Gebiet von Danzig, wo überraschende Parallelen auf-
tauchen. Manchmal — so in der großartigen Kreuzigungs-
gruppe von S. Nicolai in Elbing — scheint es auch, daß die
verwandten schlesischen Werke (Tafel 53, Kreuzigungs-
gruppe der Breslauer Elisabethkirche) eher ein Nachklang
jener Ostseekunst sind; doch mag dies in den Zufälligkeiten
des heute erhaltenen Bestandes seinen Grund haben.

Die Breslauer „Schöne Madonna" und die gleichzeitigen
Vesperbilder haben schon früher die Forschung beschäftigt;
und eben jetzt erscheint im Jahrbuch der Preußischen Kunst-
sammlungen eine Arbeit von Wilhelm Pinder, die die
böhmischen und schlesischen Meisterwerke dieser Madonnen-
gruppe als Glieder einer weitverzweigten Familie nachweist
und den seltsam verschlungenen Wegen ihrer Verwandtschaft
bis nach Frankreich nachspürt. Wiese stellt die geistesver-
wandten Arbeiten in Schlesien selbst zusammen, und man
erkennt, wie ein solches Werk höchsten Ranges keines-
wegs als vereinzelte Importware in einem kunstfremden
„Kolonialgebiet" steht, sondern inmitten einer Produktion, die
in Breslau aber auch in andern Städten des Landes frucht-
bare Werkstätten und originelle Meister beschäftigte. So
entsteht hier, um nur weniges zu nennen, schon 50 Jahre
vor der „Schönen Madonna" das Hermsdorfer sitzende
Muttergottesbild, ein ikonographisch und künstlerisch gleich
wichtiger Typus, der am Ende des Jahrhunderts in der
fränkischen Madonna der Sammlung Leinhaas (jetzt im
Germanischen Museum) sein Gegenbild und seine Voll-
endung findet. Gleichzeitig mit der „Schönen Madonna"

entstehen in Breslau die Skulpturen der Dumlose-Kapelle,
in der Elisabethkirche, unter denen die edle Kreuzigungs-
gruppe (Tafel 30, 32) den höchsten Rang behauptet, entstehen
aber auch altertümlichere Werke, wie die vor etlichen Jahren
entdeckte Koischwitzer „Madonna mit den vielen Engeln"
(Tafel 10), um die sich das Berliner Museum lange bewarb,
ehe sie ins Breslauer Kunstgewerbe-Museum gelangte. Eine
lebensgroße Madonnenstatue, die wir vor zwei Jahren im
süddeutschen Kunsthandel durch raschen Zugriff erwerben
konnten, fügt sich den klassischen Werken um 1400 an
(Tafel 42) und gibt in unserem Deutschen Museum einen
Begriff von der besonderen Art, wie in Schlesien die Gattung
der schönen Madonnen ins Bürgerliche weitergebildet wurde,
ohne doch den Zug zur Größe, zur schwungvollen Melodik
der Linien zu verlieren.

Wenn der Verfasser am Schluß seiner Untersuchung
unseres Erachtens mit vollem Recht feststellt, daß es schle-
sische Lokaleigentümlichkeiten nicht gibt, sondern nur
Merkmale des großen schlesisch-böhmischen Kunstkreises, so
ist gerade dies ein für die deutsche Kunstgeschichtsschreibung
wertvolles Ergebnis. Die Lokalforschung muß überall den
festen Boden für unsere Konstruktionen bilden; ohne eine
Ubersicht über den heutigen Bestand lokalisierbarer Werke
und über die alten Stätten der Produktion haben alle Funde
und Attributionen nur sehr bedingten Wert und vorläufigen
Charakter. Aber — ebenso gewiß ist es, daß die Erforschung
einer Kunstprovinz, die nicht von vornherein an den großen
Zusammenhängen sich orientiert und die nicht einmündet
in die allgemeine Entwicklung, geschichtlich unfruchtbar
bleibt.

Die provinziellen Unterschiede der Kunstübung sind
letzten Endes unerheblich, sie sind Mittel, nicht Zweck der
Forschung. Wesentlich ist das Gemeinsame im Spiegel
der Besonderheiten. Und in diesem Sinn, als ein Beitrag
zur Klärung und Vertiefung unserer geschichtlichen Kenntnis
der deutschen Kunst, hat auch die Arbeit des Verfassers
sich ein bleibendes Verdienst erworben. Th. Demmler.

Erich v. d. Bercken und August L. Mayer, Jacopo
Tintoretto. München 1923.

Es ist ein Verdienst der Tintorettostudien Henry Thodes,
daß sich die Kunstforschung in Deutschland dem großen
venezianischen Meister wieder zugewandt hat, der von
Waagen und Burckhardt bei uns arg verkannt und ver-
ketzert worden war. Wenn auch vieles in Thodes Studien
heute überholt, manches aus einem zu einseitigen Gesichts-
winkel angesehen erscheint, so müssen sie im ganzen doch,
wie die Verfasser der vorliegenden umfassenderen Mono-
graphie mit Recht sagen, „als Grundlage der neueren For-
schung über Tintoretto angesehen werden".

Uber Bercken-Mayers Werk ein endgültiges Urteil abzu-
geben, ist solange kaum möglich, als der Schlußband, der
den Catalogue raisonne des gesamten Tintorettowerkes ent-
halten soll, noch aussteht. Was vorliegt, ist immerhin der
größere und wesentliche Teil der Monographie. Der erste
(Text-)Band enthält nach einem einführenden Kapitel

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