Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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INNERES DER KIRCHE IN KLEMZIG

WANDMALEREIEN UND NEUE BILDER VON WOLF RÖHRICHT

Gelegenheit auf Wänden zu malen war schon vor dem
Krieg selten. Alle begabten Maler wünschten sich
solche Gelegenheit, weil sie gern einmal den ganzen Raum
zum Bild machen, aus dem Wandton herausarbeiten, und
so das Stilgesetz der Malerei von einer neuen Seite instruktiv
kennen lernen; nur ganz selten aber fanden sich Räume,
die sich für dekorative Wandmalereien eigneten, und Kunst-
freunde, die das Wandbild dem gerahmten, bequem trans-
portablen Gemälde vorzogen. Walser hat besonders Glück
gehabt, daß er bei Rathenau, Andreae, Mendelssohn und
anderswo architektonisch für Wandmalereien vorherbe-
stimmte Räume dekorieren konnte; Slevogt hat nur einmal,
bei Gutmann in Cladow, Gelegenheit gehabt, ein kleines
Gartenhaus auszumalen, Corinth hat unseres Wissens nie
einen würdigen Auftrag für Wandmalerei empfangen.

Es verdient besonderen Hinweis, wenn ein Auftrag für
Wandmalerei einmal erteilt und mit guter Haltung vom
Künstler gelöst wird. Solche Experimente gehen immer
die ganze Kunst an. Es soll darum in Kürze von Wand-
malereien berichtet werden, die der Berliner Maler Wolf
Röhricht in einer Kirche in Klemzig ausgeführt hat.

Klemzig ist ein Ort in der Neumark, nahe der polnischen
Grenze. Im Dorf steht eine kleine protestantische Kirche,
die sehr merkwürdig und reizvoll ist. Aufnahmen des
Äußeren und des Inneren sollen hier wenigstens einen Ein-
druck geben von der fast eleganten Primitivität des Äußeren
und der fast katholischen Schmucklust im Innern. Es ist ein
Fachwerkbau mit Westturm, einschiffig, mit einem flachen
rechteckigen Chor und tonnenförmiger Decke. Dehio merkt
an, daß es dieselbe Deckenbildung sei wie in den ältesten
sogenannten Blockholzkirchen in Oberschlesien und Posen.
Die Ausstattung der Kirche ist ungemein reich und hat
einen volkstümlichen Charakter. Die Innendekoration, die
in dem spätgotischen Flügelaltar, besonders aber in der
manieristisch ausdrucksvollen Malerei der Decke (Brustbilder
und Ornament) und in den gepreßten Stuckreliefs höchst
bemerkenswert ist, fällt in die Jahrzehnte zwischen 1580
und 1614.

In diesem bunten, dekorativ luftigen Kirchenraum be-
findet sich seitlich eine kleine an drei Seiten geschlossene,
gegen die Kirche nur geöffnete Loge für die Gutsherrschaft.
Die Wände dieser Loge sind es, die Wolf Röhricht im

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