Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Hl UKTIONSNAC H Rl CHTEN

KUPFERSTICH-AUKTION
BEI BOERNER IN LEIPZIG
(19.—23. Mai 1924)

Bei der augenblicklichen Geld-
katastrophe in Deutschland mußte
dem Kunstmarkt eine so große Auktion mit zahlreichen
Blättern ersten Ranges aus den verschiedensten Gebieten
sehr wichtig sein. Es handelte sich um die Belastungs-
probe des Marktes: wird sich die Qualität und die Sammler-
leidenschaft als stärker erweisen — oder die allgemeine
Depression?

Nun, die Probe ist überraschend gut bestanden. Überall
hielten sich bei Boerner die Preise auf Friedenshöhe; bis-
weilen stiegen sie darüberhinaus; für Blätter von höchstem
Gewicht wurden anstandslos Preise bezahlt, die sich im
fünften Tausend bewegen. Und das Erfreuliche war, daß
nicht das Ausland in erster Linie dazu den Grund gab
— obwohl es mit einigen prominenten Händlern und mit
bedeutenden Aufträgen sich beteiligte —, sondern daß viele,
ja die meisten der wichtigen und teuren Stücke in deut-
schen Händen blieben, und zwar in Sammlungen. An erster
Stelle ist hier Düsseldorf zu nennen, das sich mit Erfolg
an den höchsten Geboten beteiligte und eine stattliche
Sammlung bedeutender Stücke erwarb; danach Leipzig, das
die schönsten Rembrandts erwarb. Aber auch Berlin, Nürn-
berg, Dresden, Stuttgart und Gotha kauften gut.

Die außergewöhnliche Zahl von Qualitätsgraphik, die
sich bei Boerner vorfand — von den 2200 Nummern war
das meiste wertvoll, ein sehr stattlicher Bruchteil museums-
reif —, ergab sich aus dem glücklichen Zusammentreffen
einiger hochbedeutender Spezialsammlungen: die Altitaliener
bildeten die ehemalige Kollektion Professor Ehlers in Göt-
tingen ; die musterhaft zusammengebrachten Porträtstiche
des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts Benno
v. Römers (der schon 1871 gestorben war), und die erlesenen
Altdeutschen nebst Rembrandt u. dergl. entstammten Du-
bletten vor allem der Nürnberger Museen, die durch Zu-
sammenlegung der Kabinette des Germanischen Museums
und der Stadt verfügbar wurden. Hier kamen auch kost-
bare Seltenheiten auf den Markt, der beispielsweise die Clair-
obscur-Schnitte des Urs Graf seit Jahrzehnten nicht mehr
gesehen hatte.

Rekordpreise (über icoo Mark) blieben ausschließlich den
alten Stichen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts,
Deutschen wie Italienern, und Rembrandt vorbehalten. Die
dekorativen großen Stiche der Barockzeit haben längst an
Zugkraft eingebüßt; selbst die besten und schwungvollsten
Blätter überstiegen nur in Ausnahmefällen die Höhe von
500 Mark, wie die großartigen und lebensgroßen Porträts
Ludwigs XIV. von Nanteuil, für die 400—650 Mark, oder
Janinets schöner Farbstich von Paris, für den 650 Mark be-
zahlt wurden. Beiottos große Ansichten aus Dresden hielten
den Preis von 300—400 Mark; Callot fiel dagegen ab und
erzielte nur mit einem kompletten Exemplar der großen
Miseres de la guerre (18 Bl.) 320 Mark.

Von Rembrandt seien nur die höchsten Preise erwähnt:
Jupiter und Antiope (B. 203) 2600 Mark; die Landschaft
mit dem Turm (B. 223) 3200 Mark; Rembrandts Mutter
(B. 343) 4100 Mark und Hieronymus mit dem Löwen (B. 104)
4500 Mark.

Bei den fast vollständig vertretenen Altdeutschen können
auch nur die durch prominente Preise gezeichneten hervor-
gehoben werden. Die Sensation bildeten vier Schweizer
Bannerträger, Helldunkel-Holzschnitte des Urs Graf, künst-
lerisch nichts weniger als erstklassig, aber eine Rarität wie
sie im Buch steht: darauf reagierten prompt die Preise, die
für die gleichwertigen Stücke von 1500 bis 4400 Mark
kletterten. Dürer behauptete natürlich seinen Rang, ob-
wohl die Melancholie 2500 und Hieronymus im Gehäus
gar nur 1450 Mark brachten. Amymone kam auf 1800, die
Geburt Christi (B. 2) auf 4500 Mark und ging in den Lon-
doner Kunsthandel über; der teuerste Holzschnitt war B. 131,
der Ritter mit dem Landsknecht, mit 1650 Mark.

Von den andern Stechern stand Schongauer ihm am
nächsten: Tod Maria (B. 33) 1900 Mark, der Hl. Michael
(B. 58) 4000 Mark. Isr. v. Meckenen erreichte mit der Quer-
füllung mit Vögeln (Geisberg 469lr) 1200 Mark, Barthel
Behams Porträt Ferdinands I. (B. 61) 1100 Mark und Alt-
dorfer mit dem Holzschnitt der hl. Familie am Taufbecken
(B. 59) 1050 Mark.

Ähnliche Preise wurden für die Stiche Mantegnas ge-
zahlt, dessen Auferstandener zwischen Andreas und Longi-
nus (B. 6) überhaupt den Rekord mit 4800 Mark schlug.
Sein Bacchanal mit Silen brachte 1500, Herakles und Antäus
1800 Mark. Eine Raritätsschätzung waren die 3400 Mark
für die Geburt Christi des Monogrammisten J. J. C. A. aus
der frühbologneser Schule, dem aus ähnlichen Gründen
auch die hl. Familie G. A. da Brescias nach Mantegna (B. XIII,
320, 51) mit 2300 Mark nahekam. D. Campagnola erzielte
mit der Enthauptung der hl. Katharina (B. 6) 1300 Mark,
B.Montagnas unbeholfene Satyrfamilie (B. 17) ergab 1100 Mark.
Und Marc Antonio, dessen Durchschnittspreise um 150 Mark
lagen, erreichten nur mit dem anziehenden Porträt RafTaels
(B. 496) eine ähnliche Höhe, 1350 Mark. Die Wertung gra-
phischer Originalität und Naivität drückt sich in dieser durch-
gängigen Bevorzugung eigner Erfindung vor dem Repro-
duktionsstich deutlich aus. Paul F. Schmidt.

A M S T E R D A M
Mit der Sammlung Goldschmidt-Przibram, die Anfang Juni
in Amsterdam versteigert wurde, gelangten zwei altdeutsche
Altäre von einer Bedeutung auf den Kunstmarkt, die nur
noch wenige deutsche Werke im privaten Besitz des Aus-
landes beanspruchen können. Der Sebastiansaltar von 1507,
Hans Baidung-Griens frühester Altar, das Gegenstück zu
dem schmuckreichen, farbigen Dreikönigsaltar des Kaiser-
Friedrich-Museums, stammt aus der ersten Sammlung Fried-
rich Lippmann und wurde mit dieser Ende der 1870er Jahre
der Berliner Galerie angeboten. Leider entschied man sich
damals dafür, nur den einen Altar zu behalten. Beide Meister-
werke waren von Anfang an beisammen und schon in der

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