Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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DAS NEU ERWORBENE FRAU E N PO RTRÄT VON LUCAS GRANACH

IM KAISER-FRIEDRICH-MUSEUM

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

Mit dem Namen Cranach verbindet der Kunst-
freund eine bestimmte Anschauung. Da so
ziemlich in jeder Bildergalerie mehrere Tafeln
unter diesem Namen ausgestellt sind und wegen
der Berühmtheit des Meisters betrachtet werden,
bleibt eine Erinnerung zurück, zwar nicht an tief
bewegende Erlebnisse, wohl aber an eine stereotype
Kuriosität, an lackartig glatte und harte Färbung,
an knochenlose Puppen mit gefällig geschlängelten
Umrissen, an harmlose und phlegmatische Geziert-
heit.

Die Bilder wurden zu Wittenberg in einem
fast fabrikmäßigen Werkstattbetrieb hervorgebracht.
Man hoffe ja nicht, die Hand des Meisters von
denen seiner Gehilfen unterscheiden zu können.
Cranach war sein eigener Nachahmer geworden
und arbeitete in demselben Geiste wie seine Söhne
und sonstigen Schüler. Als individuelle Verirrung
ist diese Schematisierung und Mechanisierung nicht
zu betrachten, vielmehr als eine Zeiterscheinung,
da sich im Norden an vielen Stellen, so in den
Niederlanden, in Köln und in Nürnberg, um 1520
die ermattende Gestaltung zu Formeln rettete.
Wenn im Falle Cranachs aber der höchste Grad
von Gewerblichkeit zum Schaden der erfindenden
Phantasie und der aufnehmenden Naturbeobachtung
erreicht wurde, so mögen der Ort seiner Tätigkeit
und der auf das Gedankliche gerichtete Reforma-
torengeist, der diesem Orte seine Bedeutung gab,
mitgewirkt haben. Wittenberg, wohin Cranach
1504 oder 1505 von dem sächsichen Kurfürsten
gerufen wurde, lag ohne Kulturerbe auf kolonie-
siertem Boden. Dort gab es keine reiche Bürger-
schaft wie in den schwäbischen und fränkischen
Städten, vielmehr herrschten die Gelehrten mit
geistig hohen, sinnlich bescheidenen Ansprüchen.
Und der kurfürstliche Hof war unersättlich, aber
nicht wählerisch.

Die Kunstforschung in den letzten Jahrzehnten
hat mit langsam aber stetig reifendem Erfolg eine
neue Vorstellung zu Tage gefördert. Wir sehen
oder beginnen doch zu sehen, daß es eine Cranach-

kunst gegeben hat in der Zeit, bevor die Cranach-
Manier ausgebildet wurde.

Der Meister ist 1472 zu Kronach in Franken
zur Welt gekommen, war also durchaus nicht mehr
jung, als er sich in Wittenberg niederließ. Sein
ältestes durch die Signatur beglaubigtes Gemälde,
„Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten" im
Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, ist 1504 da-
tiert und so verschieden von den bald darauf ent-
standenen Arbeiten, daß es Mühe kostete, trotz
der Signatur, den Glauben an Cranachs Autor-
schaft zu gewinnen. Dieses Bild, das die Wen-
dung, die Wegbiegung deutlich genug markiert,
wird öfters und nicht ohne Grund für das schönste
Bild Cranachs erklärt. Das „schönste" sollte zu-
gleich das am meisten charakteristische sein, und es
stellt einen Meister bloß, wenn sein „schönstes Bild"
so schwer als ein Werk seiner Hand erkannt wird.

Cranach lernte, wie uns berichtet wird, in der
väterlichen Werkstätte zu Kronach. Dieser klei-
nen fränkischen Stadt und dem Vater trauen wir
nicht viel zu. Von den kritischen Wanderjahren
und den entscheidenden ersten Meisterjahren,
also über Cranachs Leben in der Zeit zwischen
1490 und 1504, wissen wir so gut wie nichts.
Gerade darüber etwas, oder lieber: viel — zu
wissen, wäre aber wichtig. In dieser Zeit kam
Cranachs Kunst zur Entfaltung. Kunstgeschicht-
lich bedeutsam wäre Kunde über den Boden, aus
dem er Kräfte zog, über die Meister, von denen
er Anregungen empfing, über die Überlieferung,
die er aufnahm.

Irgendwo muß sich Cranach doch vor 1505
ausgezeichnet haben, erfolgreich tätig gewesen sein.
Wie wäre sonst der sächsische Kurfürst auf ihn
aufmerksam geworden?

Ein wenig Licht ist neuerlich auf das Ende
jener dunkelen Periode gefallen, auf die Jahre, die
der Berufung nach Sachsen unmittelbar vorangehen.
Die Stilkritik tastete sich rückwärts von dem durch
die Signatur beglaubigten und 1504 datierten Ber-
liner Bild aus.

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