Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Von Holzschnitten und Zeichnungen abge-
gesehen, an Gemälden fügte sich das Folgende zu-
sammen:

„Christus am Kreuz zwischen den Schachern,
mit der trauernden Maria und Johannes". Datiert
1503. München, Pinakothek (früher Schleiß-
heim).

„Männerporträt", nach einer Notiz auf der
Rückseite: Johann Stephanus Reuß aus Kon-
stanz, Rector der Wiener Universität. Datiert
1503. Nürnberg, Germanisches Museum (aus der
Sulkowsky-Sammlung).

„Christus am Kreuz" mit vielen Figuren.
Wien, Schottenstift.

„Der hl. Valentin", „Der hl. Franciscus".
Zwei Altarfiügel. Wien, Akademie.

„Frauenporträt". Neuerwerbung des Kaiser-
Friedrich-Museums in Berlin (früher im Be-
sitze des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt).

W. Schmidt, der ehemalige Direktor des
Münchener Kupferstichkabinetts, lernte dieses
Bildnis kennen, als es in München von einem
Restaurateur gereinigt wurde, und wies ihm mit
sicherem Blick sogleich den richtigen Platz an.
Wie es dann 1903, auf der Erfurter Ausstellung
(No. 131), vielen Kunstfreunden bekannt wurde,
rückte es an die Seite der Nürnberger Männer-
porträts. Die beiden Tafeln stimmen in den
Maßen miteinander überein, die Kompositionen
der Landschaften entsprechen und ergänzen sich.
Danach steht fest, daß auch das Frauenporträt
1503 entstanden ist und die Gattin des Rektors
Reuß darstellt.
Vieles in dieser fest geschlossenen Gruppe weist
nach Wien hin. Die Tafel im Schottenstift wird
doch wohl seit ihrer Entstehungszeit dort oder
nicht weit davon gewesen sein. Die Notiz auf
der Rückseite des Nürnberger Porträts könnte an
sich ja irrtümlich sein, wird aber dadurch bestä-
tigt, daß ein aus Konstanz stammender Joh. St.
Reuß wirklich Professor, Dekan und Rektor der
Wiener Universität gewesen ist. Rektor war er 1504
und starb 1514. Überraschend gesichert wurde
Cranachs Beziehung zu Wien durch den Nachweis
von Holzschnitten' seiner Hand in Wiener Druck-
werken. In einer kleinen Zahl von Holzschnitten,
die teilweise aus in Wien gedruckten Missalien
stammen, ist der persönliche Stil der zusammen-
gefügten Gemälde wiedererkannt worden, und zwei

von diesen Holzschnitten sind 1502 datiert, näm-
lich eine Kreuzigung Christi (Unikum im Berliner
Kupferstichkabinett) sowie ein Blatt mit dem hl.
Stephan in ganzer Figur. Nach alledem ist kaum
daran zu zweifeln, daß Cranach 1502 und 1503,
wenn nicht länger, in Wien tätig war. Diese Er-
kenntnis bietet Beträchtliches zur kunstgeschicht-
lichen Aufklärung. Zwar Wien selbst lag auf
jungem Knlturboden, der wenig an Tradition zu
geben vermochte, das Hinterland aber, das Donau-
tal, sowie die österreichisch-bayrische Gebirgs-
gegend, besaß gegen Ende des fünfzehnten Jahr-
hunderts eine bodenständige und originale Kunst-
übung, worauf mancherlei Anzeichen schließen
lassen.

Die Herkunft der Münchener Kreuzigung ist
leider nicht mit Sicherheit ermittelt. Jedenfalls
stammt die Tafel aus einem in den gegenwärtigen
Grenzen Bayerns gelegenen Kloster, vielleicht aus
dem Carmeliterstift in München. Die kärglichen
Feststellungen in bezug auf das Ortliche gewinnen
dadurch an Bedeutung, daß die Stilaussage voll-
kommen mit ihnen übereinstimmt und sie ergänzt.

Das Frauenporträt, um bei diesem glücklich
dem Berliner Museum gewonnenen Gemälde zu
bleiben entspricht sicherlich nicht der allgemei-
nen Vorstellung von Cranachs Gestaltungsweise,
steht seinem Schema, sowie jedem Schema fern,
als ein erblickter Einzelfall — mit seinem dumpfen
Ernst, seiner Drastik und seiner blühenden Farbe.
Gluckhennenhaft, ungestrafft sitzt die Frau, sie hat
den Kopf ein wenig zur Seite gedreht und hält
die Arme in Gürtelhöhe übereinander, wie eine
arbeitsame Hausfrau, die ausruhend nicht weiß,
was sie mit ihren Händen anfangen soll. Der ge-
alterte Kopf mit der gebogenen Nase und den
schwarzen Augen ergreift mit müder Schwermut,
fern von Repräsentation und Gefälligkeit. In selt-
samem Kontrast zu der unschönen Körperlichkeit
steht die Pracht des roten Gewandes und fast
barbarisch reicher Schmuck mit vielen Fingerringen
und dem goldenen Brokatkragen. Man sieht nicht
ein Kleid, das rot ist, sondern rote Farbe, die als das
Kleid erkannt wird, das heißt nicht gefärbte Form,
sondern Farbe, durch die Form ausgedrückt ist.
Das Rot steht in leuchtender Harmonie zu dem
tiefblauen Himmel, von dem sich das Laubgrün
dunkel, die warm weiße Haube der Frau hell ab-
hebt. Die Durchbildung der Form ist ungleichartig

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