Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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DIE BEIDEN ZIELE

VON

PAUL RENNER

Die Werkbundleute haben einstmals heftig dar-
über gestritten, ob die neuschöpferische in-
dividuelle Leistung zu erstreben sei oder die Bildung
von Normen, Typen, der gute Durchschnitt. Die
Fragestellung war so schief, wie die erteilten Ant-
worten. Man kann hier unterscheiden, aber zu
entscheiden ist hier nichts; es gibt da kein Entweder-
Oder. Wo von Kunst die Rede ist, zählt nur die
höchste, eigenartige, selbständige Leistung. Doch
von Kultur kann man nur sprechen, wo die Kunst
nicht um ihrer selbst willen (l'art pour l'art) da
ist, sondern wo sie ins Breite wirkt; wo uns die
tausend Dinge der alltäglichen Umgebung nicht
durch den barbarischen Unsinn ihrer Formensprache
beleidigen. Sie brauchen deshalb weder große noch
kleine Kunstwerke zu sein; man ist schon glücklich,
wenn sie nur sachlich und anständig gearbeitet sind.

Hier liegen also zwei verschiedene Ziele vor. Das
künstlerische Ziel, die höchste, die vollkommene
Leistung, ist dem Handwerk vorbehalten. Überall
kommt die Handarbeit wieder zu Ehren; auch
dort, wo sie durch mechanische und maschinelle
Raffinements längst ersetzt zu sein schien. So
hat Klingspor eine neue Generation von Stempel-
schneidern erzogen; und Rudolf Koch geht nun
gar daran, sein eigener Stempelschneider zu werden.
Willy Wiegand hat tausende Bogen schönen Bütten-
papieres geopfert, bis seine Helfer die alte Kunst
des Handdruckes wieder beherrschen lernten. Die
meisterliche Leistung der Alten wurde immer erst
wieder erreicht, wenn man ihr scheinbar primitives
Arbeitsgerät wieder hervorholte; wenn man auf
die mechanischen Hilfsmittel verzichtete, die im

Laufe der Jahrhunderte dem Handwerk aufgedrängt
worden sind.

So gewiß nun die Kunst keiner Maschine be-
darf, so gewiß braucht die Maschine den Künstler.
Sein Werk bleibt bestehen, auch wenn die Wirkung
ins Allgemeine ausbleibt; aber eben die Allgemein-
heit muß verlangen, daß der Künstler nicht nur
mittelbar durch sein Beispiel, sondern auch unmittel-
bar erzieherisch in die gesamte Produktion ein-
greife.

Da aber fehlt es noch gar weit. Während zum
Beispiel der Staat mit enormen Kosten technische
Hochschulen unterhält, um künstlerisch und wissen-
schaftlich erprobte Architekten zu erziehen, wird
seit hundert Jahren von ehemaligen Baugewerk-
schülern, von subalternen geschäftstüchtigen Bau-
unternehmern, denen jede künstlerische Bildung
fehlt, die große Masse aller Mietskasernen, Villen
und Fabriken erbaut; ihr Gepfusch hat die alte
Schönheit unseres lieben Vaterlandes für immer
zerstört. Das Hochschulwesen stammt aus der
historisch-gelehrten Kunstauffassung des neunzehn-
ten Jahrhunderts. Es hat in der Kunst nichts zu
suchen; es legt zu viel Papier zwischen die Künste
und ihren handwerklichen Mutterboden. Wenn
jetzt die Kunstgewerbeschulen in die Hochschulen
drängen, so tun sie es, weil sie Malerei und Bild-
hauerei zu ihrem Handwerk zurückführen wollen;
doch laufen sie selbst dabei Gefahr, von diesem
Hochschulgeist angesteckt zu werden; mancher
Kunstgewerbeschullehrer wäre schon heute lieber
Akademieprofessor als an einer Fach- und Gewerbe-
schule tätig. Und doch sollte im Kampf um die

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