Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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ADOLF MENZEL, SKIZZENBUCHBLATT

BERLIN, NATIONALGALERIE
MIT ERLAUBNIS VON F. BRUCKMANN A.-G., MÜNCHEN

Überschneidungen werden vermieden;
der auf der Skizze am Boden liegende
Junge wird aufgerichtet, weil die Hori-
zontale nicht wohl an die Seite der
Komposition paßte, bekommt aber eine
steife, unnatürliche Haltung, als Lücken-
büßer wird ein Stuhl rechts am Rand
halb hereingeschoben; der an der Tür
stehende Knabe ist so leblos, daß ich
ihn überhaupt für eine freie Erfindung
halte, wie ich auch daran zweifeln
möchte, ob dem haarflechtenden Mäd-
chen links eine Studie nach dem
Leben zugrunde gelegen hat. Ihre
Flechte hat Menzel bestimmt aus
dem Kopfe gezeichnet. Man denkt
an den Fiasco auf der Radierung
„Italienisch lernen", der ihm zu-
nächst mißlang, weil aus der Er-
innerung gezeichnet, und durch einen
nach der Natur studierten ersetzt wer-
den mußte. Das künstliche Arrange-
ment, die Verzeichnungen und die
technischen Mängel könnten dem Mei-
ster die weitere Beschäftigung mit der
Platte wohl verleidet haben.

Die Familie bei der Lampe und die
schlafende Näherin zeugen von einer
höheren Vertrautheit mit den Wirkun-
gen der neuen Kunstart. Ich glaube da-
her, daß wir wenn nicht die überhaupt
erste, so doch sicher die früheste uns
erhaltene Radierung Menzels vor uns
haben. Als ein solcher Erstling und als
ein Beleg für die Kühnheit, mit der
sich Menzel gleich zu Anfang vor eine
so übergroße Aufgabe stellte, ist dieses
Unikum für die Berliner Sammlung
eine wertvolle Ergänzung.

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