Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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MAX SLEVOGT, BILDNIS DES ARCHITEKTEN ROLL. 1907

AUSGESTELLT IN DER GALERIE NICOLAI, BERLIN

verdrängt die Erscheinungen neben sich und will allein da
sein. Jenes schweigt, dieses spricht; dort ruht ein Mensch
in sich selbst, hier geht er aus sich heraus. —

Amsler & Ruthardt zeigen Arbeiten von Emil Pottner:
Handzeichnungen, Aquarelle, Graphik und neue ornamen-
tale Tierkeramik. Der Künstler war in den letzten Jahren
still; daß er nicht müßig war, zeigt diese Ausstellung. Er
ist derselbe geblieben: liebenswürdig, solide in allem, was
er ergreift, und nie über die Grenzen seines Talentes hinaus-
strebend. Am freiesten ist er, wenn er im Reich der Vögel
weilt. Dort beherrscht er die Erscheinung, sie ist in sein
Leben übergegangen, hat das Materielle verloren und ist
ganz Form geworden. Und der gute Handwerker in Pottner
weiß mit der so gewonnenen Form hauszuhalten. Der Maler
stört nicht den Zeichner, und dieser redet dem Graphiker
nicht ins Handwerk, und bescheidet sich, wenn der Tier-
plastiker Kaminverkleidungen, Lampenfüße, Kronleuchter,
Blumenbehälter modelliert, sie färbt und glasiert, und aus

Ornament und Naturstudie reizende Dekorationen zurecht-
komponiert. Pottners Kunst ist nirgends ergründend, aber
sie ist auch nie oberflächlich und nur gefällig. Die Arabeske
ist mit Natur gesättigt; man glaubt so beim Anschauen der
Zeichnungen und farbigen Tonplastiken zu erleben, was der
Künstler bei der Arbeit erlebte. Und man überrascht sich
dabei, daß man dieses Schaffen (so still vor sich hin) mit
einem Gefühl von Sommerglück betrachtet.

In Caspers Kunstsalon (am Kurfürstendamm) war die
gute Idee, Pastelle und Aquarelle Liebermanns zu ver-
einigen, sehr gut verwirklicht worden. In Anbetracht der
Schwierigkeit, solche Arbeiten Liebermanns aus Privatbesitz
für eine Ausstellung zu erhalten, war das Erreichte aus-
gezeichnet. Unter den Aquarellen fesselte vor allem' die
Baumstudie, die hier abgebildet wird und die um 1880
entstanden sein muß. Sie erinnert an Menzel, ist der Frei-
heit der Auffassung und der Schönheit der Farbe nach
aber besser als ähnliche Arbeiten von Menzel. Angesichts

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