Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Hier folgen noch ein paar Anmerkungen zu einzelnen
Bildern und kleinen Bildergruppen, wie sie, gut gehängt
und gruppiert, die Riesensäle bis in die Tiefe des Gebäudes
füllen. Degner zeigt einige seiner begabten, aber äußerlich
unliebenswürdig anmutenden Ölbilder, Schmidt-Rottluff wirkt
auch hier, wie in der Akademie, in einer sozusagen un-
intelligenten Weise charaktervoll, Freytag fällt wohltätig auf
mit einer „Frau am Schreibtisch" und W. Schmid mit einer
amüsant stilisierten „Dame in Rot". Crodel hat in neuen
Bildern wieder die ihm eigentümliche, altdeutsch anmutende
Note entwickelt, M. Bloch zeigt ein paar koloristisch gut
gearbeitete Landschaftsbilder und Lore Feldberg-Eber stellt
sich mit ihren Gartenbildern neben die, die es mit ihrer
Kunst am ernsthaftesten nehmen und von den besten Tra-
ditionen ausgehen. Schmidt-Heubachs Landschaften neigen in
ihrer entarteten Tonigkeit stark zum Dekorativen, der Königs-
berger Freymuth macht gute Figur, Frau von Zitzewitz zeigt
gebildeten Geschmack in einem Mädchenbildnis, und die
Wand, auf der Arbeiten Dettmanns vereinigt sind, macht im
ganzen einen guten Eindruck, wenngleich es sich auch hier
zeigt, daß der Künstler mit seiner Seele unbeteiligt bleibt.
Arno Nadel ist mit lebhaften farbigen Bildniszeichnungen
vertreten, H. Heuser mit etwas artistisch gezierten variete-
haften Motiven, O. Herbig mit einigen seiner „flotten" farbigen
Zeichnungen, R. Schlichter mit Darstellungen, die zur Auf-
fassung von Dix hinneigen, Waske mit Bildern, die auch
dieses Mal wieder gute Ansätze zeigen, aber auf eine
Begabung hinweisen, die nicht vom Fleck kommt, weil sie
sich nicht in Zucht nimmt. Paul Klee produziert seine Ge-
schmacksspiele, Kandinsky und Feininger sind da, damit das
Tüttelchen über dem I nicht fehle, und andere Künstler von
mittlerer Tüchtigkeit schließen sich an. Bis sich die Pro-
duktion links dann im schrecklich Abstrakten, rechts im
ebenso schrecklich Konkreten verliert, rechts im süßen,
links im sauren Kitsch.

Unter den Plastiken fallen Arbeiten von Milly Steger
wohltätig auf. Porträtbüsten von Sophie Wolff verraten
einen lebendigen Blick für das Ganze der Erscheinung, aber
nicht für die Einzelform. Akademisch solide und persön-
lich nuanziert sind die Bildnisbüsten von Maeke; stark
chargiert aber nicht uninteressant sind die plastischen Ar-
beiten von O. Krischer.

Neue starke Talente treten, wie man sieht, nicht hervor.
Aber man erwartet sie auch nicht. Statt dessen wird eine
Ausstellung geboten, die anders als alle andern Ausstel-
lungen zustande gekommen und eben dadurch gut ge-
raten ist. . Sch-

DRESDEN
Die Galerie Ernst Arnold hat den Tag ihres dreißig-
jährigen Bestehens zum Anlaß genommen, eine um-
fangreiche Ausstellung von Kunstwerken der Gegenwart
zu zeigen. Herr Gutbier eröffnete die Ausstellung mit

einem Rechenschaftsbericht. Er hatte recht, mit bescheide-
nem Selbstgefühl auf das in drei Jahrzehnten Erstrebte und
Erreichte hinzuweisen. Denn die Firma Arnold hat eine
Mission erfüllt. Grundsätzlich gehören die Inhaber dieser
Kunsthandlung zu jenen Kunsthändlern, die sich einen Platz
in der Geschichte der modernen Kunst erobert haben, weil
ohne sie das wertvoll Neue nicht so bald zum Erfolg ge-
langt wäre, weil ohne ihre Hilfe manches Talent die
Widerstände des Publikums vielleicht nicht hätte brechen
können. Herr Gutbier hat für Dresden Außerordentliches
getan, seine Ausstellungen sind für ganz Sachsen vorbild-
lich geworden, und es reicht sein Einfluß sogar bis nach
Berlin hinüber. Darum ziemt es sich, des Jubiläums auch
hier zu gedenken und auf die Verdienste der Firma um das
Kunstleben der Gegenwart ausdrücklich hinzuweisen. Um
so mehr als auch dieses Mal wieder produktiv gefeiert wor-
den ist: mit einer Ausstellung. Es wäre an sich schon eine
Tat, in einer Zeit, die das Ausstellungsleben lähmt, eine
so umfangreiche und gute Ausstellung moderner Kunst zu-
stande zu bringen; die Tat wirkt um so sympathischer, als
sie ihre Entstehung dem Grundsatz verdankt, durch neue
Leistung auf frühere Leistungen hinzuweisen.

Die Ausstellung ist vortrefflich. Sie enthält grundsätz-
lich nichts, was nicht auch in Berlin schon zu sehen ge-
wesen wäre, sie schließt sich — bewußt! Gutbier betonte
es in seiner Rede, — den Veranstaltungen der Akademie
und der Sezessionen an. Dresden bekennt sich damit zu
Berlin. Das gereicht der Ausstellung zum Vorteil. Man findet
Bilder aller namhaften Maler zwischen Liebermann und
Chagall. Das schönste Bild ist ein im Sommer 1923 ent-
standenes „Kind mit Wärterin auf der Gartenbank" von
Liebermann, es ist eine Klasse für sich. Corinth ist mit
einer Reihe neuerer Bilder gut, Slevogt im Verhältnis nu-
merisch etwas schwach vertreten. Es erfreuen zwei Land-
schaften von Waldemar Roesler, weil man den Werken die-
ses echten Talents so selten in Ausstellungen noch begeg-
net. Ulrich Hübner zeigt einige seiner schwungvoll ge-
malten Landschaften, Lesser Ury zwei ältere Landschafts-
stimmungen, Pascin einen Mädchenakt, Purrmann ein sitzen-
des Mädchen, Orlik ein Damenbildnis und mehrere Stilleben
und Kirchner ein Blumenstilleben. Man sieht daneben cha-
rakteristische und gut gewählte Arbeiten von Pechstein,
Schmidt-Rottluff, Kokoschka, Chagall, Otto Müller, Karl
Hofer, Freymuth, Heckel, Röhricht, Großmann, Beckmann,
Jaeckel, Partikel und vielen anderen — um mit Hilfe dieser
Namen nur ungefähr eine Vorstellung von dem Charakter
der Ausstellung zu geben. Für die Plastik repräsentieren gute
Namen wie Kolbe, Fiori, Klimsch, Sintenis und Haller.
Von Gaul'ist die erste, kleine Fassung des Menschenaffen da.

Man darf sagen, daß die Galerie Arnold mit dieser Aus-
stellung den Dresdenern im kleinen eine Ubersicht zu geben
bemüht war, wie sie in Berlin alljährlich von der Akademie
gegeben wird, seit Liebermann Präsident ist. K. Sch.

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