Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Heckeis denkt man an Ludwig von Hofmann, an ein lyrisch
und flüssig gewordenes Deutsch-Römertum, dem der Bild-
gedanke zu etwas Schmückendem wird. Es ist wahrschein-
lich, daß diese Kunst um ihrer Gefälligkeit willen, die aber
nicht durch Charakterlosigkeit erkauft ist, Erfolg haben wird.
Aquarelle ähnlicher Art und einige große Lithographien
(Köpfe, mehr dekorativ als geistig wirkend) waren zugleich
bei Ferdinand Möller ausgestellt.

Der Lübecker Mahlau, der zum erstenmal hervortritt,
äußert in seinen Aquarellen einen deutschen Eigensinn. Ihn
bedroht die Gefahr, daß ein frei spielender koloristischer
Drang ihn die Natur aus den Augen verlieren läßt — selbst
wenn er davor sitzt. Seine Vorzüge bestehen in einer
geistvollen Feinheit der Empfindung, die jedoch nicht ohne
Zaghaftigkeit und Spitzigkeit der Handschrift ist, in einem
Sinn für die Behandlung der Fläche, der sich freilich besser
zeichnerisch als malerisch ausdrücken kann, und in einem
Farbensinn — dem Farbensinn eines Zeichners! — der sich
vor dem symbolistisch Dekorativen wird hüten müssen. Will
man von fern den Charakter — nicht die Qualität—der Mahlau-
schen Aquarelle aus Holland, von der Insel Sylt, und aus
der Umgebung von Lübeck bezeichnen, so könnte man den
Namen Herkules Seghers nennen. Damit ist dann auch auf
den Charakter des Einmaligen hingewiesen, wozu Mahlau
neigt. Je mehr er aber hierzu neigt, um so mehr wird er
sich durch Fülle der Begabung und Exaktheit des Könnens
über das Recht zu einem künstlerischen Sonderlingswesen
auszuweisen haben.

In der Galerie A. Flechtheim waren Bilder von Heinrich
M. Davringhausen zu sehen. Daß er Talent hat, beweist
Davringhausen mit seinem Selbstbildnis und mit dem
Bildnis des Herrn H.; alle anderen Bilder zeigen, in
welcher Weise er sein Talent vergewaltigt hat, wie er es
programmatisch zum Öldruckmäßigen (in Riesenformaten)
zwingt. Malerisch geht auf den Bildflächen gar nichts vor,
die Bilder sind von einer Leere und Langeweile, daß man
ins Gähnen gerät. Dabei ist das Handwerk von einer Un-
solidität, daß die Bilder nicht alt werden können. Aber das
ist die poetische Gerechtigkeit. Ein Psychoanalytiker würde
sagen: das Unbewußte in Davringhausen verhindert ihn, in
stiller Selbsterkenntnis, für die Dauer zu malen.

Bei Ferdinand Möller waren neben den Arbeiten von
Max Kaus einige neue Blätter von Ch. Crodel zu sehen,
die die gute Meinung, die Crodels Begabung erweckt hat,
bestätigen. Den Gefahren des Autodidaktentums — über-
mäßiger Gebrauch von Fremdwörtern — sucht er mehr als
früher auszuweichen. Im Gedächtnis bleibt ein Rhythmus.
Friedrich Feigl zeigte farbige Lithographien, die in kräftiger
Vereinfachung Stadtbilder aus Prag geben. Daß es gerade Prag
ist, mußte man freilich auf Treu und Glauben hinnehmen.

Unter den sonst noch ausgestellten graphischen Blättern
fielen wieder einige Bildnisradierungen von A. Degener
wohltätig auf. Er wäre der Mann, eine Reihe von Zeitge-
nossen zu radieren und zu lithographieren, denn er hat einen
entschiedenen Sinn für die nüchterne Wahrheit eines Kopfes.

Die „Hirtenlieder" von Partikel wirken etwas dünn in
all ihrer Liebenswürdigkeit.

In der Herbstausstellung der Berliner Sezession sieht es
melancholisch aus. Der Spiritus ist bis aufs letzte zum

Teufel. Man wird mehr noch in der Ausstellung als auf
der Straße an die Misere unseres Lebens erinnert. Das
beste Bild ist ein Mädchenporträt Corinths. Es ist ein
Stück naiver Atelierkunst. Die beiden andern Bilder Corinths,
die „Susanna" und die „Geburt der Venus" sind nur be-
gabte, tonschöne Gallerte. Aufmerksamkeit weiß Ernst
Fritsch zu erregen. In seiner hart gegenständlichen Malerei
ist ein gewisser Sinn für künstlerische Ordnung; er weiß
zu beobachten, doch fehlt es (noch?) an Gestaltung. Eugen
Spiro hat in Castell moro ein glückliches Landschaftsmotiv
gefunden, und hat es mit guter Zusammenfassung der
Massen breit und sicher wiedergegeben. Klossowsky ringt
mit einer Geduld, die tragische Züge hat, Heckendorf
kommt nicht vom Fleck, obwohl Jahr auf Jahr ins Land
geht; die andern, die Kohlhoff, Krauskopf, Jaeckel usw.
vollenden das Bild eines Ausstellungsraumes, der ebenso
am Lehrter Bahnhof in der Juryfreien Ausstellung sein
könnte. Uber die Plastik ist — leider — nicht ein einziges
Wort zu sagen. K. Sch.

JURYFREIE KUNSTSCHAU
Diese Jahres-Ausstellungen werden immer besser. Und
je besser sie werden, um so weniger bedeutet für sie das
Wort „Juryfrei". In Wahrheit ist es so, daß der Wert dieser
Veranstaltungen mit dem vortrefflichen Organisator Sand-
kuhl steht und fällt. Er ladet ein, hängt, gruppiert und
wertet in einer zwar stillen, aber entscheidenden Weise,
ihm überlassen namhafte Künstler ihre Werke, weil sie zu
seiner Persönlichkeit Vertrauen haben. Die großen Sommer-
ausstellungen werden überflüssig. Dem Bedürfnis genügen
die Ausstellungen der Akademie, die Veranstaltungen der
Kunsthändler und diese juryfreie Jahresschau. Um so leb-
hafter bleibt zu wünschen, daß es gelinge, ein besseres Aus-
stellungslokal zu finden. Wenn die Ausstellung schon gut
wirkt in den trübseligen kalten, stimmungslosen Hallen des
Landesausstellungsgebäudes, wie gut muß sie dann erst in
erträglichen Räumen aussehen. Wenn sie dabei notgedrun-
gen kleiner würde, so käme das der Qualität zugute.

Dem Schweizer H. Huber ist eine Wand eingeräumt wor-
den. Er ist ein ernster Maler, der sich Probleme stellt
und auch dann noch interessant bleibt, wenn er sie nur
halb löst. Seine Wand macht Eindruck. Hubers Talent
(das in seinen Zeichnungen noch reiner zutage tritt) hat,
bei aller schweizerischen Verdrücktheit, etwas, das den Be-
trachter beschäftigt. Eine Thomanatur möchte malfreudig
werden wie Renoir es war. Ein ganzer Raum gehört dem
schnell berühmt gewordenen Dix. Der erste Anblick seiner
sozialen Unnachsichtlichkeiten frappiert stark; beim zweiten
Anblick läßt das Interesse schon nach, erscheint die Form
schon matt. Schade, daß ein so starkes Talent im Banne
des Stoffes steht und nicht zum Künstlerischen gelangt!
Wenn er sich keinen Ruck gibt, wird er wahrscheinlich im
Symbolismus endigen und untergehen. Ein anderer Raum
gehört dem Nachlaß des begabten Konr. Westermeyer und
den Arbeiten der verstorbenen Hedwig Weiß. Die Künst-
lerin ist in der Akademie mit Aquarellen aber besser ver-
treten; ihre Ölmalerei sieht recht ratlos aus. In allen Fällen
ist das Material mit Geschick und offenbar unter großen
Schwierigkeiten zusammengebracht worden.

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