Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Knechtschaft heute hat geglaubt, daß sie sich
von allem befreien müsse, und wir sind aus der
Bahn geworfen. Der Geschmack fehlt . . .

In einem bestimmten Profil ist Siva ein schlanker
zunehmender Mond.

Der Schatten geht von Stelle zu Stelle, durch-
arbeitet das Kunstwerk, gibt ihm das, was bezau-
bert: Diese tiefe „Morbidesse", die aus dem Dunkel
stammt, diesem Ort, wo sie so lange weilt . . .

Dieser Hauch der Modellierung! Das Neb-
lichte des Körperlichen! Wie in einem Gegen-
stand göttlicher Ordnung, so gibt es in diesem
Körper kein Anzeichen der Auflehnung; man fühlt
alles an seinem Orte. Man begreift das Kreisen
des Armes selbst in der Ruhe, in der Betrachtung
des Schulterblattes, seines Vorspringens, seines Ge-
häuses; das bewunderungswürdige Gefüge der Rip-
pen, gefaßt durch die Sägemuskeln, um das Schulter-
blatt und seine Arbeitsleistung zu halten. Und die
Flanke, in der der Rumpf sich fortsetzt, hier sich
verengend, dort eingezogen, und dann sich ent-
faltend, um zwei Schenkel zu betonen, zwei Kurbel-
stangen, zwei Hebel, vollkommene Winkel, leichte
Beine, die über den Boden spielen . . .

Vor einein Profil Sivas:

Sie sind wunderbar, diese beiden Hände, die
die Brüste und den Leib trennen. Die Bewegung
wetteifert in der Anmut mit der der mediceischen
Venus, die ihre Reize mit ihren Armen verteidigt,
während Siva sich durch die kühn erfundene Geste
zu schützen scheint.

Dieser gerade Schatten, der den Körper in zwei
Teile teilt, fällt gleitend an den Schenkeln. Der
eine Schenkel ist halb beschattet, der andere ganz
im Halbdunkel, im Schlagschatten. Die Scham
ist nicht zu sehen, sie ist in dieser Dunkelheit . . .

Die Schenkel nah aneinander, eine zwiefach
eifersüchtige Liebkosung, das beschattete Geheim-
nis einschließend; die schöne Fläche der Dunkel-
heit macht das Licht der Schenkel noch deut-
licher.

Siva von vorn:
Die Stellung ist durch die Künstler bekannt,
aber sie hat nichts Gewohntes, denn in der ganzen
Haltung ist Natur, und so weite Natur! Vor allem
ist da, was die einen und die anderen nicht sehen:
die ungekannten Tiefen, der Grund des Lebens.

In der Eleganz ist Anmut, über der Anmut ist
die Formung, alles geht weiter, man sagt sanft,
aber es ist machtvoll sanft! Da fehlen die Worte . . .

Von einem anderen Profil Sivas:
Diese beiden Beine in der verschiedenen Be-
leuchtung, dieser Schenkel, der auf das andere
Bein einen Schlagschatten wirft!

Wenn keine innere Modellierung wäre, könnte
der Umriß nicht voll und biegsam sein, er wäre
durch diesen geraden Schatten trocken.

Über die angeblich barbarische Kunst in der Gestalt
Sivas:

Der unwissende Mensch vereinfacht und sieht
nur im Groben, er entzieht einer höheren Kunst
das Leben, um die geringere zu lieben, und gibt
sich keinerlei Rechenschaft. Man muß mehr er-
forschen, um beteiligt zu sein und zu sehen . . .

Das Haupt Sivas lange anschauend:

Dieser schwellende Mund, quellend, üppig in
seinen Sinnlichkeiten . . .

Die Zärtlichkeit des Mundes und die des Auges
ist die gleiche . . .

Diese Lippen wie ein See der Lust, den diese
bebenden edlen Nüstern einfassen.

Der Mund wellt sich in feuchten Wonnen,
schlängelnd wie eine Schlange, die Augen ge-
schlossen, geschwellt, geschlossen von einem Saum
von Wimpern.

Von einer bewegten Fläche zeichnen sich zärt-
lich die Nasenflügel ab.

Der Ruhepunkt ist das Kinn, dort laufen die
Kurven zusammen.

Der Ausdruck führt weiter, endigt, und kehrt
in einem anderen Zuge wieder. Die Bewegungen
des Mundes verlieren sich in den Wangen.

Die Kurve, die vom Ohr kommt, verdoppelt
eine kleine Kurve, die den Mund und ein wenig
die Nasenflügel dehnt; ein Kreis, der unter der
Nase und dem Kinn bis zu den Backenknochen
läuft.

Immer vor Sivas beredtem Haupt:
Dieses Auge bleibt mit seinem Gefährten in
der gleichen Lage; es ist in einem gnädigen Schutz,
es ist wollüstig und leuchtend.

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