Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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ERNST LUDWIG KIRCHNER

ZU DER AUSSTELLUNG SEINER GEMÄLDE BEI PAUL CASSIRER

VON

CURT GLASER

Der Kampf des Künstlers mit der Welt ist
der Kampf ewigen Vorwärtsdranges mit der
Trägheit stetigen Beharrens. Es ist das Schicksal
des Künstlers, daß er morgen die Freunde verlassen
muß, die er gestern erworben hat, weil nicht viele
willens sind, ihm auf dem Wege zu folgen, der
ihm von einer inneren Stimme gewiesen wird.
Aber dies erst ist der Prüfstein echter Künstler-
schaft, ob sie die Stufen der Lebensalter durch-
mißt, die vom Werden zum Vergehen allem irdi-
schen Wesen auferlegt sind, ob der Quell schöpfe-
rischen Erlebens stark genug ist, jedem Abschnitt
des Daseins die neue künstlerische Form zu zeugen.

Kirchners Kunst hat diese Prüfung bestanden,
da ihr Schöpfer vom Jüngling zum Manne reifte.
Sie erfuhr eine tiefgreifende Wandlung gleich dem
Menschen, der als ein Todkranker, fast als ein

Sterbender in die Schweizer Berge hinaufgetragen
wurde, um an sich das Wunder der Auferstehung
zu erleben. Es ist nicht leicht, Ursache und Wir-
kung zu scheiden, aber es will scheinen, als habe
der Künstler die Großstadt fliehen müssen, die er
mit allen Nerven erlebt hatte, als habe er die
reinere Luft und die stärkere Natur gebraucht, um
die neue Flamme in sich zu entzünden, die den
siech gewordenen Körper zu einem zweiten Da-
sein erweckte.

Eine erstaunliche Wandlung hat sich vollzogen,
seit Kirchner in der Einsamkeit der Berge die
Schaffenskraft wiederkehrte und dem Wiedergenese-
nen eine Zeit reicher Ernte erblühte. Kirchner
hatte in den Jahren, die er in Berlin verbrachte,
dem Leben der Großstadt künstlerischen Ausdruck
gesucht. Ein Mensch, der mit allen Fasern die

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