Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

Page: 81
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1924/0095
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wesen, das bei Waldmann eine bestimmte, nicht ohne inter-
essante Peripetien verlaufende Lebensbahn zurücklegt, kaum
mehr gemeinsam, als den Namen, sowie eine Reihe von
Werken, die meist (aber nicht stets) hinter der Anfechtungs-
grenze liegen. Zoffs Tizian ist das „Chaos" (welcher Begriff
kunsthistorisch nicht gerade sehr scharf umrissen und auf-
klärend wirkt). Waldmanns Tizian ist ein recht langlebiger
Herr voller Lebensklugheit, Freund des Kaisers und anderer
Potentaten, der den Exzessen Aretins mit einer gewissen
Zurückhaltung, aber nicht ungern beiwohnt und der recht
gute Bilder malt. So verschieden ist auch der Stil der beiden
Bücher. Auf Zoffs stilistischen Hochschwung kann man nur
mit den Begeisterungsschreien des Mädchenchores in der
Werfelparodie des Wiener Kraus reagieren: „Gott, wie ge-
ballt! Gott, wie gesteilt!" Zumal bei Sätzen wie: „Es drängt,
es schlingt sich, es wirft sich an, es stößt fort, es zieht
fort, es zerrt, es ballt sich, es gewittert, es löst sich" —
auf Tizians Venus und Adonis. Oder bei dem Schlußsatz
des Buches: „Der Satyr hüpft häßlich auf geheiligter Stätte"
— weil angeblich in des toten Tizians Studio Diebe, die Pest-
verwirrung nutzend, gedrungen wären. Waldmanns Buch da-
gegen , in einem normalen, klaren und flüssigen Deutsch
relativ älteren Stiles geschrieben, hält sich ein wenig kühl
von allen Lyrismen, aber auch von Entgleisungen fern, läßt
aber eine entschiedene Gefühlswärme für den Gegenstand
durchschimmern.

Merkwürdig ist es, daß der Ekstatiker und der abge-
messene und vielerfahrene Kunstschriftsteller sich das gleiche
Thema wählen : Tizian. Mindestens bei dem ersteren hätte
man eine Paraphrase über Greco, oder — wenn rein ve-
netianisch — vor allem über Tintoretto erwartet. Und doch
kann man es begreifen. Gerade die späten Werke Tizians
haben jenes Endlose und doch noch Umfassende, das die
neue Zeit gegenüber der Renaissance charakterisiert. Den
Rubens-Schwärmer Zoff haben diese Probleme interessiert.
So bringt er — wie überhaupt manche gute Gedanken und
Bemerkungen von orphischen Urworten nicht ganz verdrängt
sind — ein eigenes Kapitel über das „Licht", den „Beginn
dieser neuen Mystik". Er rückt dabei das sehr wichtige Bild
der Lorenz-Marter in den Vordergrund, dem Waldmann nur
wenige Zeilen widmet. (Merkwürdig, daß beide die „Aus-
gießung des heiligen Geistes" in der Salute, — einem der
frühsten von Licht durchfluteten Innenräume überhaupt —
nicht erwähnen.) Wie weit der alternde Tizian in diesen und
anderen Beziehungen von dem aufgehenden Stern Tintoretto
beeinflußt wurde, und wie er doch er selbst blieb, darüber
ist wiederum bei Waldmann Zutreffendes zu lesen. Zweifel-
los ist Waldmanns Buch mit seinen vorzüglichen Abbildungen
eine dankenswerte Leistung, aber auch der Essayist ZofT gibt
trotz der stilistischen Übertreibungen manche Anregung.
Eine Tizian-Biographie großen Stils, die Crowe und Caval-
caselle oder Gronau entthronte und unserer modernen Kennt-
nis und Einstellung entspräche, bleibt freilich noch ein De-
sideratum. Walter Friedlaender (Freiburg).

Orbis pictus — Weltkunstbücher. Band 13. Masken
von Rudolf Utzinger. Verlag Ernst Wasmuth, Berlin.

Geister, die aus dem Jenseitigen und aus den Unter-
gründen des menschlichen Seins plötzlich hervortreten,

blicken uns aus dieser Sammlung vielsagend, lockend und
bedrohlich, bannend und erschütternd an. Und uns wird
klar, daß durch alle Kultur mit ihren künstlichen Schranken
der Wunsch des Menschen nach dem Verkehr mit der
Welt der Dämonen überall gleich geblieben ist, im einsamen
Alpental, wie auf den Inseln der Südsee, in den raffinierten
Gebilden der Japaner und Griechen, wie in den kaum der
Borke entrissenen Formen Australiens. Es sind die kultischen
Tanzmasken und die vom Kult stammenden Theatermasken,
die für uns das Zwingende haben, wie sie ihrem Träger
für seine Bewegungen den Dämon mitzuteilen vermögen.
Sie gehören eher in ein Museum menschlicher Phantasie
als in die Mottenathmosphäre um die aus Oualität und
Barbarei gemischten Gegenstände unserer Völkerkundesamm-
lungen. Wer je den Zauber gespürt hat, der von einer
solchen Maske über ihren Träger und von ihm auf den
Zeugen solcher Verwandlung fließt, weiß, wie nötig solche
Verstärkung und Multiplikation der Fähigkeit, Phantasie zu
wecken und zu fühlen, unserem Theaterleben wäre. Fast
ein halbes Hundert schön gewählter und vorzüglich repro-
duzierter Abbildungen lassen uns dies vielfältige Schauspiel
erleben. Der Text versucht, wo orientiert, zu orientieren,
aber die Urdämonen dieser Masken verleiten den Stil des
Herausgebers zu Sprüngen, die den Leser schließlich zu
atemlosen Verzicht bringen. Man würde sich freuen, dem
kenntnisreichen und an sein Thema hingegebenen Autor
einmal nach der Demaskierung zu begegnen. Er hat es
offenbar nicht nötig, sich dem Verdacht auszusetzen, als
wäre das Profunde seines Stils nur „ne Larve für ne Larve"!

Oskar Fischel.

Alfred Kuhn: Die Neuere Plastik von 1800 bis zur
Gegenwart. 2. erweiterte Auflage. Delphin-Verlag, München.

Der Referent muß sich beeilen, wenn sein Bericht mit
dem Erfolg dieses Buches Schritt halten soll, dessen erste
Auflage in einem halben Jahr vergriffen war. So sicher
hat der Verlag gerechnet und gewählt, und der Verfasser
mit erprobtem Organisationstalent den Stoff gegliedert und
zur Schau gestellt. So konnte die neue Auflage denn auch
an dem ersten Wurf kaum viel verbessern, aber der Autor,
der mit seinem Stoff in Vergangenheit und Gegenwart lebte,
hat weiterlebend das Bedürfnis gefühlt, sein Buch auf der
Höhe des Zeitenstroms zu halten. So kam, außer einigen
Abbildungen, ein neues Kapitel hinzu: die reine Vernunft.
Es tut wohl, dieser Auseinandersetzung zu folgen, denn bei
allem Wunsch nach Verstehen zeigt sich der doch fest-
gerichtete Autor mit begründetem Urteil: nicht die Furcht,
etwas zu versäumen, noch der saure Schweiß des sich an das
Neue ,,Heransiegen"müssens, dem so viele unserer Bücher
und Artikel ihre unfrohe und schon in der Geburt ver-
kümmerte Existenz verdanken, haben dies Kapitel entstehen
lassen. Man empfindet den ganzen Abstand unseres heuti-
gen Lebens von dem der Franzosen, deren Rationalismus
heute trotz aller Bemühungen unserer Doktrinäre in unserer
eigenen seelischen Not so fremdartig erscheint, wie keine
nationalistische Propaganda es darzustellen vermöchte. Ja
mit wahrer Genugtuung empfinden wir, daß diese rein
formalistische Art des Sehens beginnt hinter uns zu bleiben,
oder daß diese abstrakt gefundenen Formen aus unserer

81
loading ...