Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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EBLA CZOBEL, JÄGER

AUSGESTELLT BEI GOLDSCHMIDT & WALLERSTEIN, BERLIN

zurückhaltend und hat offenbar den Ehrgeiz, nur qualität-
volle Werke von alten und neuen Meistern zu zeigen. Was
man in der ersten Ausstellung sah, gibt eine vortreffliche
Meinung von dem Programm des neuen Unternehmens.
Selten hat man in einer privaten Ausstellung in letzter Zeit
so viele ausgezeichnete Bilder von deutschen und französi-
schen Malern des neunzehnten Jahrhunderts und so gute
italienische und holländische Gemälde beisammen gesehen.

Adolf Strübe hatte neue Bilder (Landschaften, einen Akt
und Köpfe) in der Galerie Alfred Flechtheim ausgestellt.
Die hervorstechende Eigenschaft dieser Arbeiten ist ein
leichter, kultivierter Vortrag und ein beschwingter Ge-
schmack. Es denkt dieser Geschmack freilich an fremde
Kunst. Jedesmal aber, wenn der Maler dem Spiel des

Pinsels und der gedämpft klingenden Farben zu weich und
willig nachgeben will, stellt sich zur rechten Zeit doch
das Gewissen, in Form des Naturgefühls ein und bewahrt
diese gefällige Kunst vor der Substanzlosigkeit. K. Sch.

HAMBURG

Wer ein sicheres Gefühl für Kunst und Werte hat, weiß,
daß die Phrasen der letzten Jahre, die von Weltgefühl,
Kosmos und ähnlichen Dingen tönten, belanglos geworden
sind, weil die Werke, die damit propagiert wurden, meistens
wertlos waren und diese einst inhaltsreichen Worte brauchten,
da sie von sich aus nicht bestehen konnten. Die Einsicht
kam schneller, als man es hätte prophezeien können. Nur
ein Unheil ist geblieben. Die breite Masse des kunstfreudigen,
aber urteilslosen Publikums hat die Terminologie einer ge-
wissen Kunstpresse übernommen und stellt sogar Forderungen
damit. Man ist erstaunt, daß Leute, denen man naives
Verständnis zutrauen kann, erklären, dies oder jenes
wäre veraltet, „die neue Weltanschauung" usw. Was nützt
es, wenn man erklärt, was einem selbst schon zum Gemein-
platz geworden ist: daß Kunst nicht veralten kann, daß das
wirkliche Anschauen der Welt immer Neues bringt, und
daß Kunst eben a priori eine geistige Angelegenheit ist, wie
immer auch gerade die Ausdrucksform sein mag. Das ist
selbstverständlich; aber es ist trostlos, wie wenig gerade
dieses begriffen wird. Ich will auf etwas hinweisen, das
zu einer Zeit mit weniger verbildetem Publikum ein Ereignis
gewesen wäre.

Von Dora Hitz ist jetzt eine Ausstellung von Hand-
zeichnungen im Graphischen Kabinett von Maria Kunde,
Hamburg, zu sehen.

Die eine Serie Blätter: Mütter und Kinder; Säuglinge,
an der Brust trinkend, spielend, Studien der kahlen Köpfchen,
der greifenden Hände. Jedes trägt den Stempel der Wahr-
haftigkeit und alle scheinen mühelos nur gerade eben ge-
sehen zu sein. Den größeren Teil der Ausstellung füllen
Blätter aus Rumänien, eine Minderzahl gibt Studien aus
der Bretagne. Aber am reichsten und lebendigsten sind
die Früchte der rumänischen Jahre. Die Situationen, be-
sonders wandernde Zigeuner, Lager im Walde mit stillenden
Zigeunermüttern, ruhende Seiltänzer mit ihrem Bären da-
neben, erscheinen von einer uns heute ganz fremden Romantik.
Dieses ganze fremde Land wird in kleinen Blättern lebendig.
Es ist alles scheinbar flüchtig festgehalten, aber es entsteht
eine weite Landschaft mit fremdem Volk. Ein Flußübergang
mit Büffeln und Wagen und watenden Menschen ist ganz
meisterhaft. Man fühlt sich inmitten der im Format kleinen
Kunstwerke wirklich beglückt, denn man spürt das Können,
das der Weisheit entspringt und eine Seele, die mit An-
mut gestalten kann.

Dora Hitz ist siebzig Jahre alt geworden.

Diese Ausstellung ist wohl das Beste, das zu Ehren ihrer
Künstlerschaft veranstaltet werden konnte.

Lore Feldberg-Eber.

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