Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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In der Manufaktur befindet sich ein kleines Büchlein,
das Friedrich der Große mit rührenden Bemerkungen ver-
sehen hat, wenn ihm die Geschäftsberichte vorgelegt wurden
und wenn Überschüsse an seine Schatulle abzuführen waren;
er überwachte seine Manufaktur und wollte Erfolge sehen.

In dem letzten Vierteljahrhundert hatte der Kaiser kei-
nen glücklichen Einfluß auf die Entwicklung der Manufaktur
und der geschmacklich gebildete Bürger entzog ihr sein In-
teresse, es entstanden viele Scheußlichkeiten. Heute aber,
wo diese Hemmungen fehlen, ist es fast noch schlechter
mit der Manufaktur bestellt. Es ist der Leitung nicht ein-
mal gelungen, ein wirtschaftlich finanziell günstiges Resultat
zu erzielen, was doch den kleinsten kaufmännischen Intelli-
genzen in der Nachkriegszeit möglich war. Seit 1914 ar-
beitet die Manufaktur mit einer Unterbilanz.

Die schönen alten Geschirre der Manufaktur, die besten
der Welt, werden erst jetzt wieder geliefert, sie wurden
vor einiger Zeit zu Preisen verschleudert, daß sich einige
Kriegsgewinnler auf Jahre hinaus mit Geschirren versehen
haben. Man lieferte sie aber eine Zeitlang nicht, weil man
die Maler der Manufaktur beschäftigen mußte, man ver-
zichtete auf ein sicheres Geschäft, um schlechte Dekore auf
Porzellan zu malen Leider verläppert sich die gesamte
deutsche Porzellanindustrie in einer kunstgewerblichen Tän-
delei, die absolut entbehrlich ist, und wenn erst einmal die
Grenzen für die fremden Erzeugnisse geöffnet sein werden,
was ich im Interesse der gesunden Entwicklung des Han-
dels wünschte, wird man einsehen, wie unser Handwerk
und unsere Industrie die nötigsten Dinge des täglichen Le-
bens vernachlässigt haben.

Wenn man jetzt Meid und Lederer als Mitarbeiter heran-
ziehen will, so kann man darin nur eine Urteilslosigkeit
des künstlerischen Dil ektors der Manufaktur erblicken. Soll
Meid Vorbilder malen, die nachher verkitscht in vielen Exem-
plaren Verbreitung finden oder Originale? Wie soll man
sie bewerten und rettet ein solcher Namenkult die Manu-
faktur? Noch grotesker ist die Aufforderung Lederers. Er
ist einer unserer besten Plastiker, aber Porzellanfiguren von
ihm? Mir graust! Ich nehme an, daß beide Künstler er-
staunt über die Zumutung gewesen sind. Künstler wie
Wackerle und Scheurich hätte man halten sollen, mit bei-
den ist man nicht über schüchterne Versuche hinausgekom-
men, während mit dem ersten Nymphenburg, mit dem letzten
Meißen sehr beachtenswerte Erfolge erzielt hat. Figürliche
Darstellungen sind fast immer gefährlich, wenn man nicht
mit dem schlechten Geschmack und den niederen Instinkten
des Publikums spekulieren will, wie das viele thüringische,
bayrische und andere Porzellanfabriken tun.

Ich unterschätze aus eigenen Erfahrungen nicht die
Schwierigkeiten, einen Betrieb auf einer geschmacklichen

Höhe zu halten, ohne Konzessionen an das Publikum zu
machen und sich nicht durch Erfolge minderwertiger Kon-
kurrenz in seinen Zielen beirren zu lassen. Leider hat das
die Manufaktur in den letzten Jahren getan und ist auf dem
gefährlichen Wege, es in Zukunft noch mehr zu tun. Das
Rosenthalsche Experiment, auf das sich das Handelsministe-
rium sehr viel einzubilden scheint, ist auf die Manufaktur
nicht ohne weiteres anzuwenden. Hier liegen die Verhält-
nisse doch ganz anders und der preußische Staatsbürger
hat ein Recht darauf, daß die ethischen Werte der von dem
großen König gegründeten Manufaktur erhalten werden.
Die Manufaktur soll eine Aktiengesellschaft werden, deren
Aktien „selbstverständlich" im Besitz des Staates blei-
ben sollen. Nehmen Sie es nicht übel, Herr Handels-
minister, das ist eine Bauernfängerei und Sie begeben sich
in eine sehr üble Lage, indem Sie Tor und Tür für allerlei
Gedankengänge öffnen, deren man schon recht bösartige
zu hören bekommen hat. Was tut Ihr Nachfolger mit den
Aktien, wenn das Unternehmen heruntergewirtschaftet wird,
was ohne allen Zweifel geschieht? Dann kommen die Aktien
in die Hände der Maulwürfe, die bereits am Werke sind
und wir sind eine der wenigen Blüten unseres kultur-
armen Landes beraubt.

Wenn man nach einer Periode des sichtlichen Verfalls
sich danach sehnt, die Manufaktur wieder in Schwung zu
bringen, so ist das verständlich, um so mehr, als man die
Ursachen der Verlotterung kennt und diese nur zu beseiti-
gen brauchte. Warum nimmt sich das Kultusministerium
nicht dieser Angelegenheit an ? Hier sind nicht nur Han-
delsinteresse, sondern solche der Kultur von höchstem
Werte zu vertreten. Es interessiert uns gar nicht, daß die
Tschechoslowaken unser Porzellan kaufen, bei dem Hoch-
stand ihrer eigenen Porzellanindustrie kann dieser Erfolg
nur auf einen Kalkulationsfehler in der Preisbildung be-
ruhen. Vor der recht bedenklichen Propaganda in Verbin-
dung mit Thees möchte ich dringend warnen, bevor man
es noch nicht einmal fertig gebracht hat, im eigenen Haus
ein erfreuliches Bild zu schaffen.

Wie man das machen sollte, darüber möchte ich mich
später einmal positiv äußern, weil meine Ausführungen
sonst zu lang werden und heute nur den Zweck haben
sollen, Kreise mobil zu machen, denen das Bestehen der
Staatlichen Manufaktur Berlin, als Gewissen der deutschen
Porzellanindustrie, am Herzen liegt. Friedrich der Große
hat uns die Manufaktur als ein Vermächtnis hinterlassen
und weil wir heute als Republikaner noch ein größeres
unbeschränkteres Recht darauf haben, müssen wir es der
Mühe wert erachten, für die Erhaltung der Manufaktur als
unsern eignen Besitz zu kämpfen, damit er nicht der Raub
einer Clique wird.

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