Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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FRITZ HUF, SITZENDE FRAU. BRONZE. 1921

MIT ERLAUBNIS DER GALERIE A. FLECHTHEIM, BERLIN

diese Schule, in der es nicht Abhängigkeit, sondern
nur freien Einfluß gibt, gesucht hat, so ist es ein
Zeichen dafür, daß er seine Grenzen kennen lernen
und sein Talent steigern möchte, daß er Gebun-
denheit und Disziplin als die rechten Mittel der
Steigerungsfähigkeit erkannt hat. Dieser Anschluß
bei den besten und produktivsten Trägern der
Tradition innerhalb der gegenwärtigen deutschen
Skulptur beweist künstlerischen Charakter. Um so
mehr als dem Talente Hufs eine gefällige Leichtig-
keit, eine graziöse Sinnlichkeit, eine anpassungs-
fähige Geschicklichkeit von Hause aus eigen ist,
Eigenschaften, die dem Künstler vor Jahren schon
einen Erfolg verschafft hatten und die dazu ver-
führten, den Erfolg auszunutzen. Ohne Anstren-
gung hätte Huf vor fünf Jahren ein Modekünstler
werden können, als Porträtist und auch als Bildner

junger Frauenkörper. Vor den Ge-
fahren einer zu leichten Produktion
hat er sich aber selbst bewahrt; er
ist noch einmal in die Schule ge-
gangen und hat besseres von sich
verlangt als er schon leisten konnte.

Zuerst modellierte er die sitzende
Frau. Sie wirkt wie das Produkt
eines neuen Elementarunterrichts;
sie veranschaulicht den Bruch mit
einem persönlichen Darstellungsstil,
der auf dem Punkte stand, Manier
zu werden, es beginnt damit eine
neue Formanschauung, ohne daß
die Form aber schon „erledigt"
wäre. Der Kopf und die Hände
sind noch anders als der Körper,
sie sind naturalistischer, ausführ-
licher, materieller behandelt. Das
Modell ist nicht überwunden. Doch
wird es andererseits deutlich, wo-
rauf es dem Künstler ankommt, in
welcher Weise er die Körpermasse
zusammenhalten will. In dem gro-
ßen Frauentorso von 1922 und in
der Ruhenden Frau von 1923 ist
die Arbeitsweise wieder frei ge-
worden. In einer neuen Weise er-
scheint das Grundsätzliche, das
künstlerisch Gesetzmäßige dem sinn-
lich Gefälligen verbunden. Huf hat
die strenge Form gesucht, seinTalent
ist aber so geartet, daß alle Form unter seiner
modellierenden Hand erotisch zu schwellen scheint.
Sein Talent hat einen südlichen Zug. Noch rei-
ner ist der plastische Gedanke in dem empor-
schauenden Jüngling von 1923 realisiert. Man
denkt freilich von fern an Rodins „Ehernes Zeit-
alter", und es schweift die Erinnerung auch zu
verwandten Jünglingsgestalten de Fioris. Den-
noch zwingt diese Arbeit zu starker Achtung,
sie gibt von der natürlichen Begabung Hufs eine
vortreffliche Meinung. Sie steht nicht wie im
luftleeren Raum, sondern es ist Atmosphäre um
sie. Auch von der Arbeitsweise gibt die Figur
eine gute Vorstellung. Offenbar ist die Oberfläche
nur darum so zerrissen, so unfertig geblieben, weil
der Bildhauer die Modellierung (noch) nicht hat
weiter treiben können, ohne das Ganze zu ge-

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