Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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scheint es so, als ob einfach eine neue Wirklich-
keit auftritt, eben die der Kunst. Gewiß; und ich
glaube auch ernstlich an die ewige Kunstwirklich-
keit, die nicht etwa vor der Kunst da ist, und
welche die Kunst nur zu spiegeln hätte. Nein,
die Kunst erzeugt ihre Wirklichkeit kraft ihrer
Gestaltungsprinzipien, unlösbar von ihnen, und
allein durch sie. Aber in diese Kunstwirklichkeit
strömt nun die ganze Welt ein, in allen ihren
Seinsschichten, und als befreite Melodie tönt, klingt
sie aus der Kunst uns entgegen. Das ist der
Naturalismus der Kunst und zugleich seine grund-
sätzliche Uberwindung. Immer erlebe ich Wirk-
liches, Tiefst-Wirkliches in der Kunst — ich wüßte
nicht, was sonst die Kunst zu geben hätte, ohne
im kunstgewerblichen Zierat zu verlöschen — aber
eben ein Wirkliches, daß sich mir in der Kunst
und durch sie offenbart. Man glaube nicht, daß
sogenannte abstrakte frühmittelalterliche Hand-

schriften einfach „wirklichkeitsfremd" sind. Das
sind sie nur so lange als ich ein für sie ganz
falsches Bezugssystem anlege. Trete ich aber ein-
mal in ihre Welt, dann wird mir auch ihre Wirk-
lichkeit ganz unnachahmlich selbstverständlich: er-
schütternd, packend in dem erhabenen Ernst ihrer
Wahrheit. Will man diese Wahrheit der Kunst
rauben, wird sie leeres Ornament, äußere Form.
Sie kann spielerisch ergötzen, tändelnd erheitern,
aber sie erstirbt bald in ihrer Unfruchtbarkeit. Aus
diesem dunkeln Gefühl heraus pocht unsere Zeit
an die Tore eines „neuen Naturalismus". Das
kann aber nur heißen, daß Kunst auf ihre unver-
lierbare Aufgabe sich besinnt und sie zu lösen
trachtet angesichts der Lage, die unsere Gegenwart
und unsere Kultur ihr stellen. Im Ringen mit
dieser Wirklichkeit — nicht in der Flucht vor ihr,
im Abbiegen oder Ausweichen — ist ihr Leben
beschlossen.

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