Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Übermalungen zu befreien. Dürers bekannte Beweinung
Christi, eins der frühen Bilder des Meisters, erwies sich
hierbei besser erhalten als der Paumgartner Altar, dessen
Restaurierung vor ungefähr zwanzig Jahren viel besprochen
wurde. Die Stifter, die der akademischen Glätte der Auf-
fassung zuwider waren, die die Dürer Enthusiasten um 1600
beherrschte, kamen vorzüglich erhalten zum Vorschein, wäh-
rend sie auf dem Paumgartner Altar etwas verrieben waren.
Die Beweinung hat an Farbigkeit und Reichtum der Einzel-
heiten entschieden gewonnen. Dazu lernt man Dürer als
einen meisterlichen Bildnismaler im kleinsten Maßstab ken-

nen, sozusagen als Bildnisminiaturisten, der mit dem jüngeren
Holbein in Wettbewerb tritt. Umfassender und einschnei-
dender ist die Restaurierung des späten Rubens „Helene
Fourment mit ihrem Erstgeborenen". Das berühmte Bild,
in dem Helene Fourment auf einem Balkon, das nackte
Kind auf dem Schöße, sitzt, erwies sich als zu wiederholten
Malen völlig oder teilweise übermalt. Das Format des Bil-
des, die Umrisse von Figuren und Beiwerk, der farbige
Charakter waren pietätlos verändert worden. Die jahrelange
Restaurierungsarbeit scheint auch hier dank der gut erhalte-
nen Oberfläche des Originals erfolgreich gewesen zu sein.

KUNSTSCHULREFORM

Auch die Kunstschulen werden von der Sparpolitik der
- preußischen Regierung betroffen. Das Finanzministe-
rium, in dessen Hand der Beamtenabbau liegt, hat beim
Kultusministerium Maßnahmen angeregt, die geeignet sind,
die Kosten der Kunstschulverwaltung einzuschränken. Das
Kultusministerium hat sich glücklicherweise nicht begnügt,
einen Teil der Lehrerstellen zu streichen oder sonst in
einer äußerlichen Weise Abstriche zu machen, es hat viel-
mehr den Ehrgeiz den notwendigen Abbau in einen Auf-
bau zu verwandeln. Es verwirklicht nun Forderungen, die
seit langem von einsichtigen Kennern der Verhältnisse er-
hoben worden sind, wenn es mit der Hochschule für die
bildenden Künste die Kunstgewerbeschule zu vereinigen
unternimmt. Der Vorteil für die Finanzen des Staates liegt
darin, daß durch die Ubersiedlung der Kunstgewerbeschule
in das Gebäude der Hochschule in der Hardenbergstraße
das Haus der Unterrichtsanstalt in der Prinz Albrechtstraße
frei wird — bis auf den Gebäudeteil, den auf der einen
Seite die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums mit dem
Hörsaal und auf der anderen Seite die Direktorwohnung
einnimmt. Der Gewinn für das Finanzministerium ist damit
so groß, daß es vorläufig auf einen Abbau von Lehrcrstellen
verzieht et.

Im Hause der Hochschule soll es nun so gehalten werden,
daß zwei Abteilungen eingerichtet werden, eine Unterstufe
und eine Oberstufe. Die Oberstufe bilden die Meisterateliers.
Sie unterstehen unmittelbar der Akademie der Künste; die
Inhaber der Meisterateliers werden von den Akademiemit-
gliedern gewählt. Hier ist Gelegenheit gegeben, hervor-
ragende Künstler nach Berlin zu ziehen oder sie festzuhalten,
ihnen ein gutes Atelier zur Verfügung zu stellen und sie
in den Stand zu setzen, sich mit einer kleinen Anzahl be-
gabter Meisterschüler zu umgeben. Diese Institution besteht
ja schon jetzt, doch bedarf sie durchaus einer inneren Re-
form. Es ist dringend nötig, zu untersuchen, welche Aka-
demieschüler, die jetzt im Besitz eines Freiateliers in der
Hardenbergstraße sind (sie zählen nach Dutzenden), würdig
sind, diese Gunst weiterhin zu genießen und wer sonst den
Vorteil haben soll. Es ist ebenso nötig, die frei werdenden
Meisterateliers in der Folge nur Meistern zu geben. Die
Einrichtung der Meisterateliers kann eine Pflanzstätte des
Talents werden; bisher ist sie in den allermeisten Fällen

eine Brutstätte der Talentlosigkeit gewesen, es ist mit den
Vergünstigungen — deren Größe man erst erkennt, wenn
man bedenkt, wie sich zurzeit höchst begabte, namhafte
Künstler in Berlin ohne Atelier behelfen und vor ganz un-
fähigen, ewig unfähig bleibenden Akademieschülern zurück-
stellen müssen — in vielen Fällen Unfug getrieben worden.

Die Klassen der Unterstufen sollen in vier Gruppen ge-
gliedert werden. Die erste Gruppe soll die Klassen für
Malerei umfassen, wobei lächerliche Spezialklasscn — man
denke nur an die berüchtigte „Stillebenklasse" — aufgehoben
werden sollen; die zweite Gruppe soll die Klassen für Plastik
vereinigen (Arbeiten in Holz und Stein, Bronzeguß usw.);
die dritte Gruppe soll die Klassen für die freien und ange-
wandten graphischen Techniken zusammenschließen; und
die vierte Gruppe soll aus den Architekturklassen bestehen.
Diese letzte Gruppe soll zugleich eine Art Arbeitsgemein-
schaft mit dem benachbarten Polytechnikum eingehen, der-
gestalt, daß die Schüler der vereinigten Akademie und Kunst-
gewerbeschulen Gelegenheit finden, in der Technischen
Hochschule zu hören (die wissenschaftlichen Fächer zum
Beispiel), und daß die Studierenden der Technischen Hoch-
schule in der Hardenbergstraße praktischen Unterricht im
Malen, Modellieren, Möbelzeichnen usw. nehmen können.
Mit den vier Gruppen sollen Werkstätten vereinigt werden,
wie der Unterricht auf dieser Unterstufe überhaupt praktisch
gestaltet werden, wie nur das gelehrt werden soll, was
lehr- und lernbar ist. Dabei soll darauf gesehen wer-
den, daß die Klassen jeder Gruppe gleichberechtigt neben-
nicht übereinander angeordnet werden, damit unter den
Schülern nicht ein törichter Rangstreit entsteht. Um zu
verhindern, daß das Interesse des Kunstgewerbes zahlen-
mäßig dominiert, sollen im Lehrerkollegium aus jeder Gruppe
nur zwei Lehrer sitzen, ein Akademiker und ein Kunstge-
werbe. So entsteht ein Kollegium von acht Lehrern,
unter dem Vorsitz des Direktors.

Dieser Direktor wird wahrscheinlich Bruno Paul werden,
der bisherige Leiter der Kunstgewerbeschule, da Artur Kampf
in diesem Jahre die Altersgrenze erreicht und sich auf sein
Meisteratelier zurückzieht. Bruno Paul gilt als der beste
Organisator. Daß auf Organisationsfähigkeit Wert gelegt
wird, ist verständlich; denn die praktische Vereinigung der
beiden Institute ist nicht einfach, sie erfordert so viel Energie

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